Zur Homepage der Verkehrswerkstatt.de
 Pressearchiv    bis 1996      Suchen   Gewusst wie   Info 
  Pressearchiv

Fahrt nach dem Westen und Süden

Warnung vor überflüssigen Reisen

Berliner Zeitung 26.07.1945 Ohne Autor
Immer wieder werden bei den einzelnen Bezirksbürgermeistereien Anträge gestellt auf Reiseerlaubnis für Fahrten nach Mitteldeutschland, West- und Süddeutschland, bei denen sowohl die Elbe als auch die Mulde überschritten werden muß. In Unkenntnis der genauen Lage werden die gewünschten Reisegenehmigungen in den meisten Fällen ohne weiteres ausgestellt, wenn der entsprechende Anlaß (in erster Linie Nachforschung nach verschollenen Angehörigen, Rückführung Evakuierter usw.) nachgewiesen werden kann. Es kann aber vorläufig nicht ernsthaft genug davor gewarnt werden, schon heute die Strapazen einer längeren Fahrt auf sich zu nehmen. Daß es wirklich eine Strapaze ist, davon hat sich unser Berichter persönlich überzeugt. Soweit er den von ihm bereisten Abschnitt übersehen konnte, ist die Lage zur Zeit dort folgende:
Bereits die Fahrt von Berlin nach Wittenberg ist, da vorläufig nur Züge am Tage verkehren, keine Kleinigkeit. Die Züge sind so stark überfüllt, daß die Reisenden auf den Dächern und Trittbrettern Platz suchen müssen. Das von der Zerstörung durch die Kriegshandlungen verschont gebliebene Wagenmaterial befindet sich begreiflicherweise in einem äußerst dürftigen Zustand; denn es gibt jetzt noch dringendere Aufgaben als Fenster, Türen, Polster von Eisenbahnwagen zu ersetzen. Mit irgendwelchem Reisekomfort zu rechnen, ist deshalb unangebracht. Vor der Abfahrt der Züge von der Abgangsstation Lankwitz entwickelt sich jeweils ein buntes Lagerleben. Überall flackern Feuer auf, über denen sich die Reisenden - es handelt sich zum größten Teil um Leute, die aus Berlin weiter nach Süden wollen - ihre Mahlzeiten bereiten. Auf dem Bahnsteig selbst sitzen und liegen, während der Nacht vor der Abfahrt des ersten Zuges bis zu den frühen Morgenstunden Hunderte von Menschen mit unübersehbaren Gepäckmassen und Fahrzeugen aller Art.
Wie gesagt, fahren die Züge von Berlin bis Wittenberg an der Elbe. Hier befindet sich der einzige ungehinderte Übergang über diesen Fluß, und zwar an der Bahnstrecke zwischen Wittenberg und Pratau. Die neben der großen Eisenbahnstrecke laufende Straßenbrücke ist erhalten geblieben und jetzt passierbar. Auch die Eisenbahnbrücke selbst war nur teilweise zerstört. Russischen Pionieren ist es gemeinsam mit deutschen Arbeitern in unermüdlicher, schwerer Arbeit gelungen, mitten im Strombett durch Errichten gewaltiger Holzpyramiden neue Pfeiler zu setzen. Der Neubau der Brücke ist soweit fortgeschritten, daß schon ein Probezug über die Brücke gefahren ist. Es ist deshalb damit zu rechnen, daß der normale Verkehr über die Elbe bald dort wieder aufgenommen werden wird. Bisher mußte der Weg von Wittenberg bis Pratau mit dem dazwischenliegenden Elbeübergang zu Fuß zurückgelegt werden. Hinter Bratau setzt der Zugverkehr wieder ein.
Wesentlich mehr Schwierigkeiten bietet der Übergang über die Mulde. Obwohl jetzt beide Flußseiten von der Roten Armee besetzt sind, können die örtlichen Brückenkommandanten immer nur von Fall zu Fall - je nach den militärischen Erfordernissen - einer beschränkten Zahl von Reisenden den Übergang freigeben. Als Übergangsstellen kommen die Orte Muldenstein in Richtung Bitterfeld - Halle, Eilenburg in Richtung Leipzig und Roßlau-Dessau in Betracht. Zur Zeit sind seit etwa acht Tagen wieder sämtliche Übergänge frei., und zwar in beiden Richtungen. Deshalb haben sich natürlich viele Menschen an beiden Flußseiten versammelt, die mit dem Schwierigkeiten zu kämpfen und haben weder eine Unterkunft noch können sie mit irgendwelcher Unterstützung rechnen.
  Schlagwörter: Verkehr, Verkehrsmittel, Eisenbahn, Krieg, Zerstörung, Reiseerlaubnis, 1945, Not, Geschichte, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt
  Verkehrswerkstatt.de
Dieser Beitrag wird im Einvernehmen mit den Verlagen bzw. den Autoren vom Landesinstitut für Schule und Medien (ehemals Landesbildstelle Berlin) für die Verkehrswerkstatt genutzt. Texte und Abbildungen dürfen nur im Unterricht an öffentlichen Schulen genutzt werden. Ein kommerzieller Einsatz oder eine weitere Publikation ist ohne ausdrückliche Zustimmung in jedem Fall untersagt!
aktualisiert: 02.01.2006
 
   wir-in-berlin    Verkehrswerkstatt    Team    Post   ^   
 Pressearchiv der Verkehrswerkstatt - Ein Angebot auf dem Berliner Bildungsserver für Schulen