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Fahrt
nach dem Westen und Süden
Warnung
vor überflüssigen Reisen
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| Berliner
Zeitung |
26.07.1945 |
Ohne Autor |
| Immer wieder
werden bei den einzelnen Bezirksbürgermeistereien Anträge gestellt
auf Reiseerlaubnis für Fahrten nach Mitteldeutschland, West- und Süddeutschland,
bei denen sowohl die Elbe als auch die Mulde überschritten werden
muß. In Unkenntnis der genauen Lage werden die gewünschten Reisegenehmigungen
in den meisten Fällen ohne weiteres ausgestellt, wenn der entsprechende
Anlaß (in erster Linie Nachforschung nach verschollenen Angehörigen,
Rückführung Evakuierter usw.) nachgewiesen werden kann. Es kann aber
vorläufig nicht ernsthaft genug davor gewarnt werden, schon heute
die Strapazen einer längeren Fahrt auf sich zu nehmen. Daß es wirklich
eine Strapaze ist, davon hat sich unser Berichter persönlich überzeugt.
Soweit er den von ihm bereisten Abschnitt übersehen konnte, ist die
Lage zur Zeit dort folgende: |
| Bereits die
Fahrt von Berlin nach Wittenberg ist, da vorläufig nur Züge am Tage
verkehren, keine Kleinigkeit. Die Züge sind so stark überfüllt, daß
die Reisenden auf den Dächern und Trittbrettern Platz suchen müssen.
Das von der Zerstörung durch die Kriegshandlungen verschont gebliebene
Wagenmaterial befindet sich begreiflicherweise in einem äußerst dürftigen
Zustand; denn es gibt jetzt noch dringendere Aufgaben als Fenster,
Türen, Polster von Eisenbahnwagen zu ersetzen. Mit irgendwelchem Reisekomfort
zu rechnen, ist deshalb unangebracht. Vor der Abfahrt der Züge von
der Abgangsstation Lankwitz entwickelt sich jeweils ein buntes Lagerleben.
Überall flackern Feuer auf, über denen sich die Reisenden - es handelt
sich zum größten Teil um Leute, die aus Berlin weiter nach Süden wollen
- ihre Mahlzeiten bereiten. Auf dem Bahnsteig selbst sitzen und liegen,
während der Nacht vor der Abfahrt des ersten Zuges bis zu den frühen
Morgenstunden Hunderte von Menschen mit unübersehbaren Gepäckmassen
und Fahrzeugen aller Art. |
| Wie gesagt,
fahren die Züge von Berlin bis Wittenberg an der Elbe. Hier befindet
sich der einzige ungehinderte Übergang über diesen Fluß, und zwar
an der Bahnstrecke zwischen Wittenberg und Pratau. Die neben der großen
Eisenbahnstrecke laufende Straßenbrücke ist erhalten geblieben und
jetzt passierbar. Auch die Eisenbahnbrücke selbst war nur teilweise
zerstört. Russischen Pionieren ist es gemeinsam mit deutschen Arbeitern
in unermüdlicher, schwerer Arbeit gelungen, mitten im Strombett durch
Errichten gewaltiger Holzpyramiden neue Pfeiler zu setzen. Der Neubau
der Brücke ist soweit fortgeschritten, daß schon ein Probezug über
die Brücke gefahren ist. Es ist deshalb damit zu rechnen, daß der
normale Verkehr über die Elbe bald dort wieder aufgenommen werden
wird. Bisher mußte der Weg von Wittenberg bis Pratau mit dem dazwischenliegenden
Elbeübergang zu Fuß zurückgelegt werden. Hinter Bratau setzt der Zugverkehr
wieder ein. |
| Wesentlich
mehr Schwierigkeiten bietet der Übergang über die Mulde. Obwohl jetzt
beide Flußseiten von der Roten Armee besetzt sind, können die örtlichen
Brückenkommandanten immer nur von Fall zu Fall - je nach den militärischen
Erfordernissen - einer beschränkten Zahl von Reisenden den Übergang
freigeben. Als Übergangsstellen kommen die Orte Muldenstein in Richtung
Bitterfeld - Halle, Eilenburg in Richtung Leipzig und Roßlau-Dessau
in Betracht. Zur Zeit sind seit etwa acht Tagen wieder sämtliche Übergänge
frei., und zwar in beiden Richtungen. Deshalb haben sich natürlich
viele Menschen an beiden Flußseiten versammelt, die mit dem Schwierigkeiten
zu kämpfen und haben weder eine Unterkunft noch können sie mit irgendwelcher
Unterstützung rechnen. |
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Schlagwörter:
Verkehr, Verkehrsmittel, Eisenbahn, Krieg, Zerstörung, Reiseerlaubnis,
1945, Not, Geschichte, Berlin, Deutschland,
Verkehrswerkstatt |
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