| |
 |
 |
Freie-Fahrt-Mentalität
gegen Umwelt- und Sicherheitsbedenken
Die
Diskussion um ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen lebt wieder
auf die Streitpunkte sind dieselben geblieben
|
| Hannoversche
Allgemeine Zeitung |
14.09.1991, S. 04
|
Von Margit
Kautenburger
|
| Die Diskussion um eine
allgemeine Geschwindigkeitsbeschränkung auf deutschen Autobahnen ist
wieder aufgeflammt. Den Anlaß gab Bundesumweltminister Klaus Töpfer
(CDU), der sich überraschend für ein Tempolimit ausgesprochen hat.
"Ich glaube, daß wir auch auf den Teilen der Autobahn, auf denen
heute noch freie Fahrt gewährt wird, zu einer weitreichenden Geschwindigkeitsregelung
und begrenzung kommen müssen", sagte Töpfer der Hamburger
Wochenzeitung "Die Zeit". Diese Forderung hat dem Umweltminister
harsche Kritik vor allem von Bundesverkehrsminister Günter Krause
eingebracht. "Der Großversuch 1984 bis 1985 hat eindeutig gezeigt,
daß ein Tempolimit den Verkehr weder sicherer macht, noch die Abgase
wesentlich verringert", erklärt Gert Scholz, Sprecher im Verkehrsministerium
die ablehnende Haltung Krauses. Auch Vertreter der Automobilindustrie
sprechen sich einmütig gegen ein Tempolimit aus. |
| Nachdem auch
die Automobilindustrie und der ADAC ihm hart widersprochen haben,
hat Töpfer inzwischen den Rückzug angetreten. Er habe mit keinem Satz
gesagt, daß er ein generelles Tempolimit anstrebe, erläuterte er.
Vielmehr setze er sich in Übereinstimmung mit seinem Kollegen
Krause für zeitweilige und räumlich begrenzte Beschränkungen
ein, die der jeweiligen Verkehrssituation angemessen sind. "Mit
Hilfe moderner Lenkungssysteme kann der Verkehrsfluß an bekannten
Engpaßstellen und Unfallschwerpunkten erheblich verbessert werden." |
|
Tempo fordert Tribut
|
| Seinen Einsatz
für Geschwindigkeitsbegrenzungen hatte der Umweltminister mit dem
drastischen Verkehrswachstum und der Umweltbelastung durch Kohlendioxid
(CO2) begründet. Das klimaschädigende Gift kann auch durch
den Katalysator nicht unschädlich gemacht werden. Immerhin, so führt
der Umweltminister in dem "Zeit"-Interview an, verbrauche
ein Auto bei Tempo 120 um die Hälfte weniger Benzin als bei Tempo
160. Dies habe das Umweltbundesamt ausgerechnet. "Ein Tempolimit
wird kommen, weil es gesellschaftlich notwendig ist", meint denn
auch Rainer Göke, Sprecher im Umweltministerium. Ob und wann Töpfer
sich durchsetzen werde, hänge davon ab, ob er sich genügend Rückendeckung
verschaffen könne. |
| Nach einem
Erfolg des Ministers sieht es derzeit allerdings nicht aus. In seiner
eigenen Partei wird Töpfers Vorstoß nicht begrüßt. Dafür erntet er
Lob von SPD und Bündnis 90. "Die Argumente Töpfers sind auch
die unsrigen", sagt SPD-Verkehrsexperte Thomas Kohl. Die SPD
fordert in ihrem Antrag zur Verkehrspolitik 120 auf Autobahnen, 90
auf Landstraßen und 30 als Regelgeschwindigkeit in der Stadt. Enttäuschend
und unverständlich sei der schnelle Rückzug Töpfers, bedauert Kohl.
"Der Umweltminister entpuppt sich damit wieder einmal als Papiertiger." |
| Erfreut über
den neuerlichen Sinneswandel Töpfers zeigte sich dagegen Bundeswirtschaftsminister
Jürgen Möllemann (FDP). Bei der Eröffnung der Internationalen Automobilausstellung
(IAA) in Frankfurt bekräftigte Möllemann seinen Widerstand zu einem
generellen Tempolimit. Die Autoindustrie habe die Verantwortung für
Klima und Umwelt angenommen und entwickele ständig umweltschonende
Techniken. Die Kreativität der Industrie bringe den Umweltschutz weiter
als bürokratische Normen. |
| "Freie Fahrt gibt
es sowieso nur auf 40 bis 50 Prozent des gesamten Autobahnnetzes",
führt Andreas Kippe, Leiter der ADAC-Pressestelle gegen ein Tempolimit
ins Feld. Auf den restliche Strecken existierten bereits Beschränkungen
wegen Baustellen, Unfallträchtigkeit oder aus Lärmschutzgründen. Darüber
hinaus verringere sich der Schadstoffausstoß bei Tempo 120 um höchstens
ein Prozent. Sollte es aber wegen des Tempolimits zu mehr Staus kommen,
erhöhe sich die Abgaskonzentration drastisch. Der Schaden der Geschwindigkeitsbegrenzung
sei dann größer als ihr Nutzen. |
| Da Befürworter
und Gegner sich im Streit um das Tempolimit bemühen, möglichst viel
triftige Argumente für ihren Standpunkt zusammenzutragen, wird nicht
selten aneinander vorbeigeredet. Wenn Kippe beispielsweise betont,
daß Langsamfahren auf unseren gutausgebauten Autobahnen nicht nötig
ist, vergißt er dabei völlig, daß es den Umweltschützern in erster
Linie um den Schadstoffausstoß geht. Ähnlich geht es Alfred-Herwig
Fischer, Leiter der Hauptabteilung Verkehrspolitik, Umweltschutz und
Verbände bei Mercedes-Benz. Zwar wünscht auch er sich, daß die elektronischen
Lenkungssyteme, die vor Staus und Nebelwänden warnen, zuverlässiger
werden. Doch grundsätzlich setzt er auf Geschwindigkeit. "Schnell
zu fahren, ist etwas wert", sagt Fischer. Schließlich stehe auch
die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Spiel, denn der gute Ruf deutscher
Autos im Ausland hänge auch von der täglichen Bewährung auf Deutschlands
schnellen Autobahnen ab. Unfallzahlen, das habe der Großversuch zur
Geschwindigkeitsbegrenzung 1984 bis 1985 gezeigt, seien auch bei Tempo
100 nicht wesentlich niedriger ausgefallen. Es liege in der Hand des
Autofahrers, umweltschonend zu fahren und sich Autos mit geringem
Benzinverbrauch zuzulegen. Aufgabe der Autoindustrie sei es dabei,
sichere und sparsame Modelle zu entwickeln. Umweltabgaben, wie die
Opposition sie fordert, hält Fischer für den richtigen Weg, die Autofahrer
zu einem Umdenken zugunsten der Natur zu bewegen. "Die Kosten
für die geschädigte Umwelt müssen von allen Verkehrsteilnehmern übernommen
werden." |
| Die Autoindustrie
sollte endlich aufhören, immer schnellere und größere Autos zu bauen,
meint Wolfgang Helm, Referent für Umwelt- und Wirtschaftspolitik beim
Bündnis 90/Die Grünen. Statt dessen sollten die Öko-Autos, die auf
der IAA als Studien vorgestellt werden, auch gebaut und verkauft werden.
Weder Treibhauseffekt und Waldsterben noch die verbesserte Abgastechnik
hätten verhindert, daß der Benzinverbrauch ständig gestiegen ist,
kritisiert Helm. Verbrauchten die Autos 1960 durchschnittlich noch
neun Liter Sprit pro 100 Kilometer, sind es heute mehr als zehn Liter.
Zeitgleich mit Töpfer ist das Bündnis 90 beim Thema Verkehr in die
Offensive gegangen. Auf ihre Kleine Anfrage im Bundestag zum Tempolimit
von Ende August räumte die Bundesregierung eine CO2-Ersparnis
von ein bis zwei Prozent pro Jahr ein, wenn eine Höchstgeschwindigkeit
von 100 Stundenkilometern eingehalten werde. "Dies ist kein Kleckerbetrag,
wie Krause glauben machen will", sagt Helm. |
|
Zahl der Autos steigt weiter
|
| Für 18 Prozent
der Kohlendioxidbelastung sei das Auto verantwortlich, weiß Dieter
Haubold, Sprecher des Arbeitskreises Verkehr des Bundes für Umwelt
und Naturschutz (BUND). Bis zum Jahr 2000 soll die vom Straßenverkehr
verursachte Menge noch einmal um 26 Prozent zunehmen. Mit der steigenden
Zahl an Autoneuzulassungen im ersten Halbjahr 1991 waren es
2,7 Millionen könne die verbesserte Abgasreinigung nicht Schritt
halten. "Mit Tempo 100 kann nicht nur der CO2-Verbrauch
am schnellsten gedrosselt werden. Der Verkehr fließt auch viel zügiger",
sagt Haubold. Deutschland leiste sich als einziges Land die freie
Fahrt. "Bei den zunehmenden Umweltschäden und einer Verdoppelung
der Verkehrstoten in Ostdeutschland im vergangenen Jahr ist es endlich
an der Zeit, die Konsequenzen zu ziehen." |
| Doch bislang sieht es ganz
danach aus, als ob sich die mächtigen Automobilhersteller und die
Befürworter der freien Fahrt im Glaubenskrieg um ein Tempolimit durchsetzen
werden. Denn selbst in der SPD herrscht offensichtlich keine Einigkeit
über die verkehrspolitische Richtung, wie das Nein der Koalition in
Rheinland-Pfalz zum niedersächsischen Antrag für ein Tempolimit zeigt.
Mit Spannung darf daher die Abstimmung über den niedersächsischen
Antrag für Tempo 120 auf Autobahnen im Bundestag am 27. September
erwartet werden. Im Verkehrsausschuß ging die Abstimmung darüber mit
einem Patt von acht zu acht Stimmen aus. "Wir haben noch alle
Chancen durchzukommen", meint zumindest Rainer Peter, Sprecher
im niedersächsischen Wirtschaftsministerium. |
| |
Schlagwörter:
Verkehr, Verkehrsmittel, KFZ, Politik, Psychologie, Tempolimit,
Umwelt, Emission, Forschung, Verkehrswerkstatt, Deutschland |
|