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Alte Reifen machen kehrt

Umwelt: Pyrolyse verwandelt Altreifen in Gas, Öl und Ruß

VDI nachrichten 14.01.2000, S. 09

Von Michael Franken/cf

Altreifenrecycling gilt als teuer und unökonomisch. Ein kleines Unternehmen aus Eisenhüttenstadt setzt auf ein neues Pyrolyseverfahren, mit dem abgefahrene Pneus in einen geschlossenen Stoffkreislauf zurückgeführt werden können.
Wer kennt sie nicht, die Bilder von Futtersilagen, die unter dicken Planen konserviert werden. Damit die Abdeckungen nicht wegfliegen, greifen Deutschlands Bauern auf ein probates Mittel zurück: Alte Reifen sorgen dafür, dass das Grünfutter nicht wegfliegt.
Alle anderen Wege der Altreifen sind weit weniger augenfällig. Dabei fallen pro Jahr in Deutschland etwa 600 000 t abgefahrene Reifen an. Immerhin 8 % bis 10 % der Altreifen werden runderneuert und damit noch einmal in den Stoffkreislauf zurückgeführt. Dieser Anteil stagniert allerdings, da die Runderneuerten zu Unrecht von Kunden und Monteuren als 2. Wahl klassifiziert werden. Auch bremst das wachsende Angebot von Neureifen aus dem Ausland, die zu besonders niedrigen Preisen angeboten werden, die Runderneuerung.

Jeder zweite Altreifen wird im Ausland weitergefahren

Auf Deponien werden etwa 10 % der alten Reifen entsorgt. Fast dieselbe Menge landet als gemahlenes Gummigranulat im Straßenbau. Die zwei wesentlichen Entsorgungswege für Altreifen sind allerdings die Verbrennung und der Export ins Ausland. Etwa ein Drittel aller Altreifen werden derzeitig thermisch verwertet, zunehmend als Ersatzbrennstoff in Zementwerken. Und da die in Deutschland geforderte Restprofiltiefe in anderen Ländern längst nicht so verbindlich vorgeschrieben ist, landet jeder zweite Altreifen bereits im Ausland. Dieser florierende Export ist möglich, weil Altreifen nach dem Kreisstoffverwertungs- und Abfallgesetz keinen Müll darstellen, sondern als Wertstoffe definiert sind.
Dabei sind Reifen zum Deponieren oder Verfeuern viel zu schade. Das Altgummi kann, fein vermahlen, als gereinigtes Gummimehl bei der Herstellung neuer Reifenmischungen verwendet werden. Vielversprechend ist auch die rohstoffliche Verwertung durch Pyrolyse, Hydrierung oder Hochtemperatur-Vergasung. Dabei entstehen energetisch wertvolle Öle, Gase und Ruß.
Wolfgang Fehrmann, Geschäftsführer des Unternehmens abf in Eisenhüttenstadt, setzt auf Pyrolyse, die aus dem Reifenmaterial energetisch verwertbare Produkte erzeugt. Gemeinsam mit der Firma Berlin Oberspree Sondermaschinenbau (BOS) entwickelte abf das "Formex"-Verfahren, bei dem die Temperaturen durch eine besondere Prozessführung niedrig gehalten werden. Die Pyrolyse wird in einem separaten Reaktor unter flüssigem Zinn bei einer Temperatur von 500 °C durchgeführt. "Die geringe Reaktionstemperatur garantiert, dass keine Schadstoffe generiert werden und die Qualität der Recyclingprodukte einen stofflichen Kreislauf ohne Einschränkung ermöglicht", erklärt BOS-Techniker Dietmar Schönbrunn.
Die geschredderten Altreifen werden über ein Schleusensystem in den Reaktor transportiert. Dort erfolgt die thermische Zersetzung des Ausgangsmaterials unter Sauerstoffausschluss. Die Verweildauer der Altreifen im Reaktor beträgt in Abhängigkeit vom Gummivolumen etwa 12 min. Der Clou: Bei der im Zinn-Metallbad ablaufenden Pyrolyse des Gummis ist sichergestellt, dass entstehender Sauerstoff sofort an der Oberfläche des Zinnbades als Zinnoxyd gebunden wird und somit die chemische Abbaureaktion nicht stört. Das Gummimaterial wird in gasförmige und flüssige Bestandteile zerlegt. Die Pyrolyseprodukte steigen aus dem Metallbad auf und werden über ein Kühlsystem in Öl und Gas getrennt.
"Das Gas wird anschließend für die Energieversorgung des Reaktors genutzt", so Schönbrunn.
Der Vorteil: Dadurch braucht das Verfahren nur in der Ablaufphase Fremdenergie und ermöglicht unterm Strich eine positive Energiebilanz. Aus 1000 kg Altgummi ergeben sich etwa 100 m3 Pyrolysegas pro Stunde. Die Gashauptbestandteile sind Methan, Ethan, Kohlenmonoxid, Stickstoff und Wasserstoff. Die Wärmeleistung beträgt 700 kW/t. Fremdernergie ist nur viermal im Jahr für das Hochfahren der Reaktortemperatur erforderlich. Das anfallende Öl wird in Tankanlagen gesammelt und anschließend zur Erzeugung von Heizöl und Dieselkraftstoff aufbereitet.
Als feste Reaktionsprodukte bleibt ein Gemisch aus Ruß, Füllstoff, Stahlschrott und Gewebe übrig. Dieses Gemisch wird über ein Schleusensystem aus dem Reaktor ausgeschleust und in einem Entgasungssystem von Ölresten befreit. Über einen Magnettrenner werden die Edelstahl-Anteile herausgefischt. In einer Taumelsiebmaschine werden die Textilbestandteile ausgesondert. Danach wird der Ruß gemahlen und abgefüllt. "Der Ruß ist das wertvollste Produkt. Nach dem Mahlen kann er in der Gummiindustrie wieder eingesetzt werden", sagt abf-Geschäftsführer Fehrmann.

Erste Großanlage soll pro Stunde 3 t Altreifen verarbeiten

Die Anlage in Eisenhüttenstadt ist für eine Kapazität von 100 kg pro Stunde ausgelegt. Sie ist als Pilotanlage konzipiert und wird in der ersten Betriebsphase 22 000 t Altreifen pro Jahr verarbeiten. Zusammen mit dem Berliner Entsorgungsunternehmen Alba haben die BOS-Planer eine großtechnische Anlage entworfen. Die soll dann 3 t Altreifen pro Stunde verarbeiten können. Bei einem Einsatz von 3 t Altreifen pro Stunde entstehen rund 1 t Öl, 570 kg Gas, fast 400 kg verwertbarer Stahlschrott, gut 1 t Ruß-Füllstoff, etwa 30 kg Gewebe und ein Zinnaustrag von 665 kg.
  Schlagwörter: Verkehr, Verkehrsmittel, KFZ, PKW, Technik, Konstruktion, Reifen, Entsorgung, Recycling, Werkstoff, Gummi, Verfahren, Pyrolyse, Eisenhüttenstadt, Brandenburg, Deutschland, Verkehrswerkstatt
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Dieser Beitrag wird im Einvernehmen mit den Verlagen bzw. den Autoren vom Landesinstitut für Schule und Medien (ehemals Landesbildstelle Berlin) für die Verkehrswerkstatt genutzt. Texte und Abbildungen dürfen nur im Unterricht an öffentlichen Schulen genutzt werden. Ein kommerzieller Einsatz oder eine weitere Publikation ist ohne ausdrückliche Zustimmung in jedem Fall untersagt!
aktualisiert: 29.10.2003
 
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