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„Auf Teufel
komm raus investieren“
Porträt Norbert Hansen,
Chef der Bahngewerkschaft Transnet, wehrt sich gegen bloßes Sanierungsdenken
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| Die Zeit |
22.02.2001, S. 22 |
Von Rainer Frenkel
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| Ganz wie beim
Rinderwahn. Jahrelang haben Politiker alles falsch gemacht. Jahrelang
haben die Unternehmer nur aufs Geld geschaut. Jahrelang haben sie
ihren Kunden verkommene Produkte verkauft. Erst als alles buchstäblich
zusammenbrach, kam die große Wende (jedenfalls in Worten). |
| Kommt auch die
Verkehrswende, weg von der Straße – hin zur Schiene, erst, wenn analog
all diese Stationen durchlaufen sind? |
| Wer Norbert
Hansen zuhört, muss das glauben. Dass die Bahnreform misslungen ist,
weiß jeder. Dass es am Himmel und auf der Straße immer enger wird,
erlebt jeder. Nur im Bewusstsein ist es noch nicht angekommen. So
handeln Politik und Unternehmen, als wäre nichts geschehen. |
| Norbert Hansen
hat sich aufgemacht, die Ruhe zu stören. Er redet einer „ökonomischen
und ökologischen Verkehrspolitik“ das Wort, „die die Interessen der
Beschäftigten dort im Auge behält“. Der Relativsatz ist wichtig. Denn
Norbert Hansen ist Vorsitzender der Gewerkschaft Transnet (die den
alten Namen GdED, Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands, noch
im Untertitel führt). |
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Der Mann ist also Funktionär, aber gewiss einer
der weniger typischen. Er ist rhetorisch begabt, ein Kommunikationstalent
jenseits einschlägiger Moden, selbstbewusst, ohne Umstände zur Sache
kommend. Ja, Norbert Hansen ist gleichsam ein Hybrid-Funktionär:
Er läuft mit gewerkschaftlichem, unternehmerischem und politischem
Kraftstoff – und dies in der Regel nicht je nachdem, sondern am
liebsten gleichzeitig.
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| Dass diese Antriebsquellen
kein untaugliches Gemisch bilden, sondern gemeinsam wirken, liegt
erst einmal am Sujet: Eine ökonomisch vernünftig eingerichtete Bahn
hülfe sowohl den Mitarbeitern als auch dem Unternehmensergebnis und
der Verkehrspolitik. Zum anderen ist damit die Persönlichkeitsstruktur
von Norbert Hansen beschrieben. |
| Dafür gibt es
prominente Zeugen. Verkehrsminister Kurt Bodewig, ein alter Bekannter
aus gemeinsamen Juso-Zeiten, sagt: „Ich schätze ihn als fairen Verhandlungspartner“,
was nicht bedeute, „dass ich seine Politik in allem teile“. Und Hartmut
Mehdorn, der Bahnchef, sekundiert: „Norbert Hansen ist für mich ein
Gesprächspartner, wie ich sie schätze. Er bevorzugt – wie ich – das
offene Wort, und er ist verlässlich. Da, wo wir uns streiten müssen,
tun wir das natürlich. Aber selbst bei aller Härte der Konflikte glaube
ich, dass es ihm, genauso wie mir, am Ende um eine zukunftsträchtige
Bahn geht“. |
| Der Gewerkschafter
Norbert Hansen, der schon vor 25 Jahren sein erstes Rhetorik-Seminar
besucht hat, ist ein Star. Wo er auftritt, richten sich die Kameras
auf ihn, verstummen die Unterhaltungen der gerade noch Wartenden.
Er spricht frei, anschaulich, gelegentlichen Applaus gelassen erwartend.
In einem Gespräch zuvor hatte er gesagt: „Ich rede nicht gern von
Dingen, von denen ich nichts verstehe, warum ich mir eine gewisse
Angriffslust erlauben kann“. |
| Hier aber, Ende
Januar auf einem von dreizehn regionalen Bahngipfeln für eine „Verkehrswende“,
hier in Magdeburg, lässt er dieser Lust wenig Raum. Er reiht die personalpolitischen,
tarif- und verkehrspolitischen Argumente auf. Und wer aus Versehen
den Raum beträte, nicht wissend, wer da spricht, würde so schnell
nicht erraten: ein Gewerkschaftsboss. Er votiert für eine offensiv-unternehmerische
Politik der Bahn, für Investitionen, Wagnis- und Risikobereitschaft
und warnt davor, allzu kurzfristig auf schwarze Zahlen zu schielen.
Ein einziges Mal entfährt ihm, schneidend, das Wort „Profit“. Eine
Pflichtübung, ein Zugeständnis an die Genossen, welche das dankbar
zur Kenntnis nehmen. Niemand verlässt den Saal, solange Norbert Hansen
spricht. |
| Und alle, alle
haben ihn gewählt. Beim ersten mal, 1999, mit 96,6 Prozent der Stimmen.
Auf dem nächsten Gewerkschaftstag waren es 99,4 Prozent. Derlei haben
sich nicht einmal die Wahlfälscher der DDR erlaubt. Der Erwählte bleibt
auf dem Teppich. Er vermutet mal, der Zuspruch rühre im Wesentlichen
daher, „dass ich basisnah bleibe“ (was einer aus seiner Entourage
so formuliert: Der Norbert, das sei ein reisender, kein residierender
König). Außerdem, nun wieder Hansen: „Ich sage offen, was uns erwartet,
wie weit unsere Möglichkeiten überhaupt reichen“. Schließlich nehme
ihm das Wahlvolk die Bereitschaft ab, „sich auch mit kämpferischen
Aktionen für die Interessen der Mitglieder einzusetzen“. |
| Hansen, 48,
präsentiert, mit einigem Stolz, eine klassische Gewerkschaftskarriere.
Schon im Alter von 15 Jahren wurde er Mitglied. Der Vater, selbst
Metaller, hatte das für „natürlich“ gehalten. Seit 1979 ist er hauptamtlicher
Funktionär. 1991 avancierte er zum Bezirksleiter in Hamburg, ein Jahr
später wechselte er nach Frankfurt, im Geschäftsführenden Vorstand
zuständig für Tariffragen, sieben Jahre später ist er der Boss. |
| „Fast alles“
hat er für seine Gewerkschaft gemacht. Heute tummelt er sich am liebsten
im Arbeitsrecht, in der Sozial- und der Beschäftigungspolitik. Insbesondere
seit er gezwungen war, „aus Personalräten Betriebsräte zu machen“.
Das war 1994, als sich die Behördenbahn zur Bahn AG mauserte. Wenn
er erzählt, was dann geschah, dann redet er nicht nur davon, dass
trotz aller Beschäftigungsbündnisse weit mehr als 100 000 Arbeitsplätze
verloren gingen, ein Drittel der Konzernbelegschaft. Dann redet er
von Managementfehlern (garniert mit falschen politischen Vorgaben),
von „verlorenen Jahren“. Aus dem Gewerkschafter Hansen wird dann so
etwas wie der kritische Unternehmer Hansen. |
| Vier Verkehrsminister
hat Hansen seit Beginn der Bahnreform erlebt und drei Bahnchefs. Zehn
Jahre waren den Herren gegeben, ihr Unternehmen, das noch gänzlich
dem Bund gehört, börsenreif zu machen. Weit gefehlt. Heute tut sich,
nach einem Besuch von McKinsey, bis zum angepeilten Jubeljahr 2004,
vielmehr ein Finanzloch von 20 Milliarden auf. Plötzlich und unerwartet;
„eine dramatische Lage“ (Hansen), lange verdeckt von „schöngerechneten
Zahlen“ (und nach jüngsten Meldungen schon wieder nicht mehr ganz
so schlimm). |
| „So kann die
Bahnreform nicht funktionieren“ |
| Vorläufige und
erste Konsequenz: Das eigentlich schon ausgehandelte Beschäftigungsbündnis,
das den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen garantieren soll,
muss neu zusammengebastelt werden, ganze Tarifkomplexe sind neu auszutarieren
– und das noch in dieser Woche, am Freitag, wenn Vorstand und die
zuständigen Gewerkschaften eine Elefantenrunde veranstalten. Die Leute
verhandeln unter Druck. Vielleicht hilft ihnen ein Charakterzug des
Transnet-Chefs, den Verkehrsminister Kurt Bodewig so beschreibt: „Ich
gehe davon aus, dass Hansen einer ist, der nie überzieht“. Nur, derselbe
Minister hat im selben Gespräch auch gesagt: „Der Hansen ist ein guter
Sachwalter seiner Interessen, mit einer klaren Position“. So kommt
es, dass Bodewig auf jeden Fall Recht behalten wird. |
| Die Ursachen
für die plötzliche Misere sind politischer und unternehmerischer Provenienz
– in den Augen von Norbert Hansen. Beispielsweise hat er eine „politische
Schuld“ von 17 Milliarden Mark entdeckt, die Differenz zwischen den
Zahlungsversprechen von 1993 und den bis heute tatsächlich geflossenen
Subventionen. „So kann die Bahnreform nicht funktionieren.“ |
| Kurt Bodewig
sagt dazu: „Das ist Kritik an der alten Regierung – nicht gegen mich
gerichtet“. Im Übrigen: Rot-Grün habe jährlich zwei Milliarden „draufgesattelt“
auf das, was Schwarz-Gelb zu zahlen sich bequemt hatte. Um auf jenes
neue Niveau, rund neun Milliarden Mark für die Schienensanierung jährlich,
darf die Bahn bis 2003 erst mal bauen, zumal die UMTS-Gelder (die
Erlöse für die Vergabe der nächsten Mobilfunk-Generation) dem Finanzminister
Wohltaten spürbar leichter machen. |
| Auf der Einnahmenseite
herrscht also, mittelfristig, einige Klarheit. Und der historische
Abschnitt der „politischen Schuld“ kann niemanden mehr überraschen,
wichtiger noch: Er hat keine Konsequenzen für die Zukunft. Ganz anders,
nach Hansens Darstellung dramatisch anders, wirken die betriebswirtschaftlichen
Reformfehler nach. |
| Tun wir mit
Norbert Hansen einen kurzen Blick zurück in Zorn. Der erste Bahnchef
nach der Reform, Heinz Dürr, habe zwar eine „tolle Stimmung“ verspürt,
in Prestigeobjekte und Fahrzeuge investiert, mit noch „genügend Personal
Verspätungsprobleme“ nicht gekannt. Tatsächlich habe er „eine Fassade
errichtet, hinter der das Geschäft zusammenbröckelte“. Nachfolger
Johannes Ludewig habe sich dann aufs Bestandsnetz konzentriert, viel
analysiert, nicht kommuniziert – Letzteres war natürlich im Umgang
mit Hansen geradezu ein Sakrileg. Hartmut Mehdorn nun sehe sich gezwungen,
scharf zu sparen, da er auf mehr Geld nicht hoffen dürfe. |
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