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Die Welt brüllt wie ein Stier
Wo Menschen sind, ist es laut. Das war schon immer so. Eine kurze Geschichte des Lärms vom Urknall bis zur Love Parade

Die Zeit 09.08.2001, S. 12

Von Ulrich Stock

Sei nun am Anfang gewesen das Wort oder der Große Knall, in Glaube wie in Wissenschaft beginnt die Welt mit einem akustischen Signal. Höhere Mächte flüstern nur selten, das fanden die Menschen wieder und wieder bestätigt, wenn der Zorn derer da oben anschwoll zu Orkan, Donner und Vulkanausbruch. Wer die Macht hat, hat das Sagen und die Stimmgewalt.
Dies wäre von der kurzen Geschichte des Lärms schon der erste Teil. Überschrift: Die natürliche Beschränktheit menschlicher Krachmacherei. Zeitspanne: von den Urgründen bis zur Erfindung der Dampfmaschine. Fortschritt: wenig. Was der Mensch über die Jahrhunderttausende immerhin gelernt hat: das göttliche Grollen nachzuahmen. Über der abendländischen Stadt läuten die Glocken und rufen die Menschen in die Kathedrale, damit sie den Orkan aus der Orgel wehen hören.
Teil zwei der Geschichte ist noch kürzer. Er reicht vom Beginn der Industriellen Revolution 1750 bis zum Auftritt der Beatles und der Rolling Stones. Was die Stunde geschlagen hatte, verkündete jahrhundertelang die Kirchturmuhr. Plötzlich gab die Fabriksirene den Takt an. Die ununterbrochene Bewegung der Dampfmaschine fegte alles Menschliche hinweg. Schichten von bis zu 35 Stunden, übermüdete Arbeiter, die in die Räderwerke stürzten, Kinder, die sich zwischen den Maschinen schlafen legten, um den Beginn der nächsten Schicht nicht zu verpassen ... Lärm war da noch das geringste Problem!
Fabriken übertönten Kathedralen; Lokomotiven, schnaufend und zischend, trugen die Botschaft vom Sieg des Kapitals ins Land hinaus. Die Lokomotivführer wurden bewundert – und taub. Mit Untersuchungen an ihnen hat der arbeitsmedizinische Lärmschutz angefangen. Bis er beachtet und konsequent betrieben wurde, vergingen hundert Jahre.

Und just zu dieser Zeit, um 1968, beginnt der kürzeste und letzte Teil der Lärmgeschichte. So wie die Kathedrale das künstlerische Echo göttlicher Macht war, so ist Woodstock die soziokulturelle Erwiderung auf den militärisch-industriellen Komplex. Macht kaputt, was euch kaputt macht! Und womit? Mit dem Verstärker.

James Watt, Erfinder der Dampfmaschine, stand am Anfang des industriellen Zeitalters,
200 000 Watt stehen an seinem Ende. Sie markieren den Übergang zur postindustriellen, popindustriellen Zeit. Statt Schwermetall Heavy Metal. Statt startender Raketen Techno-Disco und Love Parade.
Verordnung gegen Hundegebell
Die in Sprüngen gewachsene Lärmfähigkeit des Menschen kann verstanden werden als Prozess erst der Säkularisierung und dann der Demokratisierung. Heute steht es jedermann frei, sich nach Belieben mit Lautstärke einzudecken. Jede bessere Stereoanlage im Auto kann es vom Schalldruck her mit dem lieben Gott aufnehmen.
Make Love Not War, das hieß: statt Kugeln aus Röhren das Röhren aus Türmen. Held der neuen Zeit war nicht mehr der Lokomotivführer, sondern der Elektrogitarrist. Auch er verlor sein Hörvermögen. Die hohen Töne nahm er mit den Zähnen auf, die tiefen mit dem Bauchfell.
Dies ist der richtige Moment für den Untergang des Abendlandes. „Wir leben im Jahrhundert des Lärms“, schreibt der Jazzkritiker Karl Lippegaus 1986 in Köln. „Kein anderer Teil der Menschheit vor uns war dem Lärm stärker ausgesetzt als wir.“
Lippegaus fühlt sich umringt von Düsenjägern im Tiefflug, Motorrädern, Traktoren, Autobahnen, Pressluftbohrern, Klimaanlagen und elektrischen Gitarren: „All diese Geräusche hat es vor hundert Jahren nicht gegeben.“ Nur Sonntagmorgens findet er noch Ruhe an seiner Schreibmaschine, „auch sie ein Instrument, das eine neue Art von Lärm erzeugt, wie es ihn vor hundert Jahren nicht gegeben hat“.
Armer Lippegaus. 15 Jahre später sind Düsenjäger im Tiefflug Vergangenheit. Auf der Schreibmaschine hackt fast niemand mehr herum. Nicht alles wird immer lauter. Und ob es die Menschen ohne industriellen und popindustriellen Lärm viel ruhiger hatten?
Also noch einmal zurück in die Frühgeschichte des Lärms: „Die Welt brüllte wie ein Stier, und der große Gott wurde durch den Lärm gestört.“ So steht es im Gilgamesch-Epos, 3000 v. Chr. „Enlil hörte das Getöse und sagte zu den Göttern im Rat: ‚Dieser Tumult der Menschheit ist unerträglich, und es ist nicht mehr möglich zu schlafen‘, und so wurden die Götter bewegt, die Flut zu schicken.“
Der römische Dichter Juvenal schreibt 117 n. Chr.: „Es ist absolut unmöglich, irgendwo in der Stadt zu schlafen. Der unaufhörliche Verkehr von Wagen in den Nachbarstraßen genügt, um Tote aufzuwecken.“ In der Schlaflosigkeit sieht er „die Hauptursache unserer Kränklichkeit“.
Die Stadt Bern erlässt 1661 eine Verordnung „gegen Rufen, Schreien und Unfugmachen an Sonntagen“, 1784 „gegen bellende Hunde“, 1879 „gegen Musizieren nach 22.30 Uhr“.
Im Land der Dichter und Denker wird seit je über den Lärm geklagt. Ruhe erhob schon Schiller zur ersten Bürgerpflicht – ohne Erfolg. Neben dem ewigen Gehämmer und Geklopfe der Schmiede und dem Läuten der Glocken waren es vor allem das Rollen eisenbeschlagener Holzräder auf Kopfsteinpflaster und das Peitschenknallen der Kutscher, was die Nerven strapazierte.
Goethe, Kant und Schopenhauer hätten Autos herbeigesehnt, solche, von denen der Scientific American noch im Juli 1899 träumte: „Die Verbesserung der städtischen Lebensbedingungen durch die allgemeine Einführung des Motorfahrzeugs kann kaum überbewertet werden ... Leichte gummibereifte Fahrzeuge, die schnell und geräuschlos über den glatten Straßenbelag fahren, werden die Nervosität, die Ablenkung und den Stress der modernen Zeit größtenteils eliminieren.“
Hauptproblem in den durch Industrialisierung und Landflucht rasch wachsenden Städten war das Nebeneinander von Wohnen und Gewerbe. In den Hinterhöfen wurde von früh bis spät gedruckt, gebacken, gezimmert, geschliffen, gesägt – bis endlich Stadtplanung die Sphären trennte. Kaum ist das heute gelungen, wird die Verödung der Innenstädte und die Hässlichkeit der Gewerbegebiete beklagt. Man kann nicht alles haben.
Welches Jahrhundert im Alltag der Menschen das lauteste war, lässt sich objektiv nicht sagen, weil der Schalldruck präzis erst seit 1882 gemessen werden kann. Der kanadische Kommunikationswissenschaftler Murray Schafer hat ersatzweise literarische Beschreibungen ausgewertet: Ohrenzeugenberichte. „Ruhe“ oder „Stille“ erwähnen 19 Prozent der untersuchten Texte aus der Zeit zwischen 1810 und 1830, zwischen 1870 und 1890 sind es nur 14 Prozent, von 1940 bis 1960 nur noch 9 Prozent. Alles klar? Leider nicht. Denn Stille wird in neueren Texten oft negativ verstanden: als dumpf, unheimlich, furchtbar.
Hitler brauchte Lautsprecher
Schafer, der mit Klang und Krach eine inspirierende Kulturgeschichte des Hörens geschrieben hat, sieht den Unterschied zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart des Lärms vor allem in dessen Charakter. Dauergeräusche nehmen zu, Summen und Brummen, nicht unbedingt laut, aber unaufhörlich und in ihrer Gleichförmigkeit allem Natürlichen fremd.
Als weiteres Phänomen der Moderne nennt Schafer die „Schizophonie“, die Abspaltung der Töne von ihrem Ursprung. Edisons Fonograf war das erste Gerät zur Schallspeicherung; Telefon und Radio ermöglichten die Übertragung in Echtzeit über große Distanzen. Die christliche Gemeinschaft, die traditionell dem Ruf der Kirchenglocke gefolgt war, schenkte nun der elektrisch verstärkten Stimme Glauben. „Ohne Kraftfahrzeuge, ohne Flugzeuge und ohne Lautsprecher hätten wir Deutschland nicht erobert“, schrieb Adolf Hitler 1938.
Das ist wahr. Wahr ist aber auch, dass – nachdem die Stalinorgeln, das Sirenengeheul, die MG-Salven und die Seriendetonationen des Zweiten Weltkrieges verhallt waren und nachdem sich der popkulturelle Lärm in Rockarenen und Fußballstadien entlud – häuslicher Friede heute eher zu finden ist als vor hundert Jahren. Schall dämmende Bauweisen waren damals unbekannt, und Hausmusik war der Stolz des Bürgertums. Von 1870 an wurde das massenhaft gefertigte Klavier zum Terrorinstrument schlechthin. Heute, da die Musik aus der Anlage kommt, ist Zimmerlautstärke kein Problem mehr.
Im November 1908 erreichte die Lärmbekämpfung in Deutschland ihren historischen Höhepunkt. Der hannoversche Pädagoge und Philosoph Theodor Lessing, ein zu allem entschlossener Ästhet, gründete den Deutschen Antilärmverein, nachdem er in einer Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens 94 Seiten lang „all dies entsetzliche Randalieren, dies unaufhörliche Brüllen, Dröhnen, Pfeifen, Zischen, Fauchen, Hämmern, Rammeln, Klopfen, Schrillen, Schreien und Toben“ gegeißelt hatte. Die Vereinszeitschrift Der Antirüpel riet zum akustischen Gegenangriff, wenn gegen den Krach von nebenan rein gar nichts mehr half. Mit Paukenschlägen solle dem Nachbarn Einhalt geboten werden oder indem ein Leierkastenmann auf ihn zu hetzen sei.
Alle Verve bewahrte Lessing nicht vor der Niederlage. Seine 1000 Mitstreiter erwiesen sich als Zögerlinge und Geizhälse, die nicht einmal mit dem jährlichen Beitrag von sechs Mark überkamen. Nach drei Jahren war der Verein pleite.
An den Kampf gegen das Teppichklopfen zur Mittagsstunde erinnern noch heute Verbotsschilder in den Treppenhäusern. Aber das Ende dieser Unsitte verdankt die Welt nicht dem Antirüpel, sondern einem heulenden Triebwerk mit einer Düse daran.
  Schlagwörter: Verkehr, Lärm, Lärmschutz, Lärmgeschichte, Geräusch, Dauergeräusch, Musik, Beschallung, Gehör, Entwicklung, Lautstärke, Ruhe, Stille, Schall, Krach, Industrialisierung, Verkehrswerkstatt
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aktualisiert: 29.10.2003
 
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