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Die Piraten
kehren zurück
Schifffahrt: Organisierte
Kriminalität auf den Ozeanen nimmt zu
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| VDI nachrichten |
28.03.2002, S. 03 |
Von M. HOLLMANN
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| Der Warenverkehr
auf den Weltmeeren hat durchaus seine Schattenseiten: Piratenüberfälle
sind auf den großen Schifffahrtswegen Südostasiens inzwischen
die Regel. Massenarmut, politische Turbulenzen und der Lockruf der
"Schätze" aus den Industrieländern brauen sich
dort zu einem brisanten Gemisch. |
| Für den
australischen Kapitän Ken Blyth beginnt die Hölle kapp oberhalb
des Äquators: Nachts um halb zwei stürmen ein Dutzend maskierte
Männer mit gezückten Schusswaffen die Brücke des Supertankers
"Petro Ranger", der seit ein paar Stunden vor Singapur auf
Reede liegt. Sie ergreifen das Kommando und nehmen Kurs auf China.
Während Blyth und seine Crew um ihr Leben fürchten, verwandeln
die Piraten die Petro Ranger in ein Phantomschiff - überpinseln
den Schiffsnamen, wechseln Flagge und Schiffsdokumente. Erst zwei
Wochen später, als die Entführer längst Dieselöl
und Kerosin im Wert von 1,5 Mio. Dollar aus den Tanks gepumpt und
abtransportiert haben, kommt die chinesische Marine den Betrügern
auf die Spur. |
| Die von Ken
Blyth und Peter Corris in Taschenbuchform gebannte Geschichte von
1998 mutet bizarr und reißerisch an, die Realität aber
hat die Fiction längst überholt. Gewalt- und Raubverbrechen
auf hoher See haben Konjunktur. Das belegt der Piraterie-Report 2001,
den das International Maritime Bureau (IMB) - Spezialorganisation
für Seekriminalität der Internationalen Handelskammer -
Anfang Februar in London veröffentlicht hat. Die Experten zählten
weltweit 335 Überfälle auf Handelsschiffe und Yachten, vom
einfachen Diebstahl bis zur Entführung. |
"Wir unterscheiden
grundsätzlich drei Arten von Piraterie", erläutert
der Malaysier Noel Choong, der das Piraterie-Berichtszentrum des IMB
in Kuala Lumpur leitet - eine Art internationale Alarmzentrale, die
alle einschlägigen Vorfälle dokumentiert. Den größten
Teil der Angriffe stufen die Spezialisten als "Gelegenheitspiraterie"
ein: Meistens sind die Täter arme Küstenbewohner, die Seemannsgeschick
mitbringen und sich zusammenrotten, wenn der Moment günstig scheint.
"Sie schlagen meist nachts zu, klettern unbemerkt an Bord und
überraschen die ahnungslose Mannschaft", weiß Choong.
Dann machen sie sich mit allem davon, was sie tragen können:
Schiffskasse, Bargeld, Wertsachen, Proviant.
Die zweite Gattung von Seeräubern sind Entführer, die die
Handelsschiffe zeitweilig unter ihr Kommando bringen, sie dann in
entlegene Buchten steuern und dort Teile der Fracht entladen. "Hier
beginnt der Bereich der organisierten Wirtschaftskriminalität",
so Choong. Die Banden sind international organisiert, verfügen
über eigene Schiffe, als Angriffsplattformen und ein Maklernetz,
um die Beute zu verschachern. Oft haben sie einflussreiche Freunde
in Staat und Wirtschaft, die ihnen den Rücken decken oder gezielt
Informationen über Schiffsbewegungen zuspielen. Besonders beliebt
sind Tanker mit petrochemischer Ladung, die sich problemlos versilbern
lässt. |
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Noch weiter gehen die Piraten der dritten Art:
Sie sind nicht nur an der Fracht, sondern an dem Schiff selbst interessiert.
Manchmal bringen sie die Seeleute kaltblütig um, damit keine
Zeugen zurückbleiben und sie die Pötte ungehindert umpinseln
sowie mit gefälschten Papieren und einer Piraten-Besatzung
versehen können. "Besonders die Flaggen Honduras oder
Belizes sind bei den Seeräubern beliebt, weil man dort leicht
Schiffe anmelden kann", sagt Choong, der selbst als Kapitän
lange Jahre zur See fuhr. Anschließend bieten die Betrüger
die Phantomfrachter auf dem Chartermarkt an, um Frachtaufträge
zu ergattern.
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| Schiffsüberfälle
sind häufig nur der Auftakt zu noch schwerwiegenderen Wirtschaftsverbrechen.
Zählt man all die vor- und nachgelagerten Straftaten dazu, belaufen
sich die volkswirtschaftlichen Schäden durch Piraterie auf rund
15 Mrd. € jährlich, schätzt die Schifffahrtszeitung
Lloyd's List. |
| Wie der aktuelle
IMB-Report hervor hebt, hat der Trend zur organisierten Kriminalität
im vergangenen Jahr weiter zugenommen: 16 Frachter wurden zumindest
zeitweise verschleppt - doppelt so viele wie im Jahr davor. Laut Statistik
sank zwar die Gesamtzahl der Raubüberfälle vor den Küsten
der "Hotspots" Südostasien, Afrika und Lateinamerika
um 27 % - dafür steigt die Dunkelziffer. "Aus Angst vor
zeitaufwendigen Ermittlungen, die zu Fahrtverzögerungen führen,
scheuen viele Kapitäne davor zurück, Überfälle
zu melden", schreiben die Experten. Unbestritten ist, dass die
Angreifer zunehmend brutaler vorgehen: 210 Geiselnahmen und 21 Tote
- sechs mehr als im Vorjahr - markieren den Höhepunkt der Schadensbilanz. |
| Der Kampf gegen
die moderne Piraterie scheint nahezu aussichtslos. Industrie- und
Entwicklungsländer konnten sich bislang auf keine gemeinsame
Initiative einigen. Japan z.B. schlägt vor, supranationale Marineverbände
unter UNO-Kommando in die Krisengewässer zu entsenden, was einige
südostasiatische Länder jedoch als Großmachtstreben
Tokios interpretieren. |
| Und selbst wenn
sich die Staatengemeinschaft auf eine militärische Kampagne einigen
könnte, wären damit noch längst nicht die Triebkräfte
der Piraterie behoben. "Seit der Kolonialzeit ist bekannt, dass
Fischer und Bauern in Südostasien der Piraterie nachgehen, wenn
die Zeiten schlechter werden", doziert der Indonesienexperte
des Institute of Southeast Asian Studies in Singapur, Dr. Anthony
Smith. Dieser Zusammengang ist bis heute spürbar: Während
die Armut in den meisten indonesischen Provinzen nach 1996 erheblich
zunahm und das Land im politischen Chaos versank, sprang die Zahl
der Raubüberfälle vor Indonesien im Jahr 2000 auf 119. |
Die Hoffnung
auf eine Lösung des Problems haben die meisten Fachleute inzwischen
aufgegeben. "Wir gehen das Thema seit 20 Jahren offensiv an und
fordern verstärkte Sicherheitsmaßnahmen weltweit. Angesichts
der Dimension des Problems vor allem in Südostasien gibt es aber
wohl keine Chance, sich zu schützen", stellt der zuständige
Referent beim Verband Deutscher Reeder in Hamburg, Detlef Meenke,
nüchtern fest.
So sind die Seeleute, die mit dem Schiffsbetrieb bereits alle Hände
voll zu tun haben, in den meisten Fällen auf sich allein gestellt.
Nachdem die UNO-Seeschifffahrtsorganisation IMO eine Reihe von Verhaltensrichtlinien
entwickelt hat, gehen die Reedereien zunehmend dazu über, die
Mannschaften praktisch und theoretisch für den Ernstfall zu schulen. |
| Einige der Schulen
haben ihren Sitz in Deutschland. So bietet beispielsweise die Sicherheitsfirma
Rahlss & Thomsen Security in Hamburg ein Antipiraterie-Training
für Reedereien an. Neben Standardmaßnahmen zur Gefahrenabwehr,
wie z.B. Zickzack-Fahrmanöver und Einsatz von Wasserschläuchen
gegen die Verfolger, übt die Firma mit der Crew vor allem logistische
Maßnahmen ein: "Die Besatzungen müssen sich über
die Gefahrengebiete im Klaren sein, eine gute Piratendeckwache organisieren
und alle nötigen Abwehrmittel wie z.B. Wasserschläuche bereithalten",
sagt Manfred Thomsen, der sein Handwerk bei Spezialeinheiten der Polizei
gelernt hat. Weil Handelsschiffe unbewaffnet fahren - und dies soll
nach einhelliger Auffassung der Industrie auch so bleiben -, stehen
den Seeleuten kaum andere Optionen zur Auswahl. |
| Dass man Piraten
ab und zu auch ohne Kanonen in die Flucht schlagen kann, bewies die
Crew des deutschen Containerschiffs "Fabian Schulte" am
10. August vergangenen Jahres in der Straße von Singapur. Um
00:10 Ortszeit erspähte die Deckwache zwei Motorboote mit je
acht Insassen, die sich dem Frachter von achtern näherten. Der
Schiffsmann alarmierte sofort die Brücke. Der Kapitän ließ
die Sirenen aufheulen und schmiss volle Schiffsbeleuchtung an. Protokollschluss:
"Die Piraten drosselten die Geschwindigkeit und verschwanden." |
| Shiploc:
Piratenjagd per Satellit |
| Um entführte
Schiffe rasch aufzuspüren und Seeräubern leichter das Handwerk
zu legen, empfiehlt das International Maritime Bureau (IMB) die Installation
von satellitengestützten Ortungssystemen an Bord von Frachtern.
In Zusammenarbeit mit der Satellitenbetreiberfirma CLS haben die Piratenfahnder
"Shiploc" entwickelt. Das nötige Equipment besteht
aus einer kleinen, wartungsfreien Box, die an einem beliebigen Ort
auf dem Schiff installiert wird. Alle paar Stunden funkt ein dari
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