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Aus für
den Wunderstoff Glare?
Paris
Air Show: Widersprüchliche Trends im Flugzeugbau
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| VDI nachrichten |
17.06.2005, S. 20 |
Von Wolfgang Mock
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| Spätestens
seit dem Bau des Riesen-Airbus A380 galten Compositwerkstoffe als
Hoffnungsträger der Luftfahrtbranche. Das sind sie immer noch.
Aber auf der Paris Air Show, die kommenden Sonntag in Paris zu Ende
geht, wurde deutlich, dass zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte
des Flugzeugbaus Airbus und Boeing auf unterschiedliche technologische
Strategien beim Bau von Flugzeugen setzen. |
| Als vor fünf
Jahren der Riesen-Airbus A380, der einmal bis zu 850 Passagiere befördern
soll, Konturen annahm, gab es ein Wundermaterial, auf das Airbus große
Hoffnungen setzte: Glare. Das ist ein Compositmaterial, das aus drei
Lagen Aluminium und dazwischen zwei Lagen Glasfaser besteht. Dieses
Material soll bei gleicher Festigkeit leichter als Aluminium sein,
korrosionsbeständiger und auch Rissbildungen besser widerstehen
können. |
| Gefertigt wird
es von einer Fokker-Tochter in Holland. |
| Beim Airbus
A380, der vor kurzem seinen Erstflug absolvierte und der der unangefochtene
Star bei den Flugvorführungen auf der Paris Air Show in Le Bourget
war, werden die oberen Rumpfschalen aus Glare gefertigt. |
| Insgesamt sind
gut 20 % (auf das Gewicht bezogen) des Airbus A380 aus Kohlefaser-Verbundwerkstoffen,
dazu kommen mit 3 % die Rumpfschalen aus Glare. Sie allein sollen,
so Airbus, das Gewicht der A380 um 8 t senken. |
| Mittlerweile
scheint Glare bei Airbus jedoch einiges von seinem Ruf eingebüßt
zu haben: Beim neuen Airbus A350, dessen endgültige Bauentscheidung
zwar erst im September kommt, aber als gesichert gilt, ist von der
einstigen Wunderwaffe Glare weit und breit nichts mehr zu sehen: Der
Rumpf der A350 wird aus einer Aluminium-Lithium-Legierung bestehen. |
| Colin Stuart,
Vice President Marketing von Airbus, sagte zwar, dass die Entscheidung
für die Aluminium-Lithium-Legierung und gegen Glare "hauchdünn"
gewesen sei - aber angesichts der einstigen Begeisterung von Airbus
für Glare überzeugt das kaum. Denn Airbus hat sich schon
vor längerem dafür entschieden, auch bei der Frachter-Version
des Airbus A380 auf den Einsatz des einstigen Wunderwerkstoffes Glare
zu verzichten. |
| In der Tat ist
in der Szene schon seit einiger Zeit zu hören, dass sich die
Hoffnungen, die Airbus einst in Glare gesetzt hatte, nicht oder zumindest
nicht im erwarteten Ausmaß erfüllen. |
| Die Entscheidung
von Airbus, beim Rumpf der A350 jetzt zum Aluminium zurückzukehren,
legt das nahe. |
| Ganz anders
Boeing. Das US-Unternehmen hat bereits die ersten Komplett aus Kohlefaser
bestehenden Rumpfteile für die neue 787 fertig gestellt. Dazu
gehört auch die erste aus einem Stück bestehende hintere
Rumpfsektion. "Was früher einmal tausende von Bolzen und
Aluminiumbleche waren", so Mike Blair, bei Boeing für das
787-Programm verantwortlich, "besteht heute aus einem einzigen
Teil". |
| Dementsprechend
setzt das Unternehmen auch für zukünftige Flugzeuggenerationen
konsequent auf CFK-Verbundwerkstoffe. |
| Die Boeing 787
besteht zu gut 50 % aus CFK, und derzeit gewinnt man den Eindruck,
dass Boeing in Sachen CFK-Fertigung den Europäern um einiges
voraus ist. Die hintere Rumpfsektion des A350 wird in einem Stück
gefertigt, einschließlich der Verstärkungen an den Fenstern
und der Stabilisierungsstreben auf der Flugzeughaut. An einer vergleichbaren
Technologie arbeitet Airbus gegenwärtig noch. |
| Bei Boeing hat
die CFK-Fertigung zu erheblichen Produktivitätsvorteilen geführt:
Die Produktionskosten der hinteren Rumpfsektion aus Aluminium bestanden
früher zu 85 % aus Arbeitskosten und zu 15 % aus Materialkosten.
Beim CFK-Rumpfsegment liegen die Arbeitskosten nur noch bei 10 %;
90 % entfallen auf Materialkosten. |
| Allerdings
setzt auch Airbus in zunehmendem Maß auf diese Materialien.
Gut 39 % des Airbus A350 bestehen aus CFK-Werkstoffen (auf das Gewicht
bezogen). Vor allem die Flügel, der Flügelkasten, der im
Rumpf die beiden Flügel aufnimmt, sowie die hintere Rumpfsektion
und die hinteren Leitwerke sollen aus CFK gefertigt werden - aber
eben nicht der Rumpf selbst. |
| Damit schlagen
erstmals in der jüngeren Flugzeuggeschichte die beiden großen
Hersteller Airbus und Boeing zumindest bei einem zentralen Segment
zukünftiger Flugzeuge - dem Rumpf - unterschiedliche Wege ein:
Während die Amerikaner auf den "schwarzen" Kohlefaserrumpf
setzen, geht Airbus beim Rumpf den Weg zurück zum "silbernen"
Aluminium. |
| Entsprechend
sind auch die Sprachregelungen: Während Boeing-Luftfahrt-Chef
Alan Mulally damit rechnet, dass in den Flugzeugen kommender Generationen
immer mehr CFK eingesetzt wird, glaubt Gerard Blanc, Vice President
Operations bei Airbus, dass der Kampf zwischen "schwarz und silber
noch lange nicht entschieden" sei. |
| Ein vorrangiges
Argument von Airbus, beim Rumpf auf Glare oder gar reines CFK zu verzichten,
ist der, dass Schäden am Rumpf, etwa durch ein Catering-Fahrzeug
am Boden, nur schwer zu analysieren sind. Beim Aluminium sieht man
von außen, ob es eine Beule gegeben hat oder einen Riss. Beim
CFK, aber auch bei Glare ist das schwerer festzustellen. Von außen
unsichtbar, kann es nach einen Aufprall zu einer Delamination der
Schichten und damit zu einer Schwächung der Struktur kommen. |
| Das ist - neben
strukturellen - mit einer der Gründe, warum bei der A380 Glare
nur in den oberen Rumpfschalen eingesetzt wird, wo solche Schäden
eher selten vorkommen. |
| So ist die Schadenskontrolle
bei Aluminiumrümpfen wesentlich einfacher, was wiederum die Gefahr
reduziert, dass Flugzeuge zur Kontrolle länger unproduktiv am
Boden bleiben müssen - ein zentrales Argument vieler Linien. |
| Allerdings setzt
Airbus bei der A350 auch massiv auf neue Materialien: So entfallen
neben den 39 % Compositen 21 % auf Aluminium-Lithium, 14 % auf Stahl,
weitere 11 % auf reines Aluminium. Den Rest machen Titan und verschiedene
andere Materialien aus. |
| Neu bei der
A350 ist der CFK-Flügel. Hier kann Airbus auf die Erfahrungen
beim Flügel des militärischen Airbus A400M zurückgreifen,
der ebenfalls aus CFK besteht - einer der wenigen Fälle, bei
denen militärische Aufträge in der europäischen Luftfahrt
Entwicklungsvorteile für zivile Anwendungen mit sich bringen. |
| Insgesamt 4,35
Mrd. € wird der neue Airbus A350 an Entwicklungskosten verschlingen,
etwas mehr als ein Drittel, was der Mega-Airbus A380 gekostet hat.
Viele Technologien aus der A380 will Airbus für die A350 übernehmen. |
| Trotz des Aluminium-Lithium-Rumpfes
geht Airbus aber davon aus, dass die neue A350 pro Passagier gerechnet
je nach Typ zwischen 4 % und 7 % weniger Treibstoff verbraucht als
die 787 von Boeing. Die A350 wird mit 235 Sitzen in der Grundversion
zudem 30 Sitze mehr haben als die 787. |
| Jetzt muss Airbus
allerdings noch die Fluggesellschaften von den Vorzügen ihres
neuen Fliegers überzeugen - derzeit hat hier Boeing die Nase
vorn. |
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