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Ansichtssache:
Menschenversessen und tiervergessen
Der Fleischhunger des Menschen scheint
so unersättlich wie seine Respektlosigkeit gegenüber dem Tier grenzenlos
ist.
von Dr. Franz Alt
Ein deutscher Mensch verspeist im
Laufe seines Lebens durchschnittlich sieben Rinder, 20 Schafe, 22
Schweine, 600 Hühner sowie zusätzlich Wildtiere, See- und Meeresfische.
Der Fleischhunger des Menschen scheint so unersättlich wie seine
Respektlosigkeit gegenüber dem Tier grenzenlos ist. Die meisten
Tiere, die wir uns einverleiben, werden heute künstlich erzeugt,
maschinell gemästet und am Fließband geschlachtet.
"Artgerechte " Tierhaltung ist zwar gesetzlich vorgeschrieben,
doch hunderte Millionen Tiere werden auch in Deutschland geboren,
gefoltert und getötet für "ökonomische Sachzwänge".
Die meisten Hühner und Schweine kennen nur diesen Lebensrhythmus:
aufstehen, fressen, hinlegen, aufstehen ... sterben.
Was aber ist, wenn der Mensch tatsächlich ist, was er isst? Nur
die zwei Prozent Biobauern, die es heute in Deutschland gibt, haben
sich zu artgerechter Tierhaltung verpflichtet. Für die Tiere heißt
das: Stroh statt Spaltböden aus Beton, Tageslicht statt künstlicher
Beleuchtung, im Stall Bewegungen und Auslauf statt lebenslanger
Isolation oder Käfighaltung, langsame Mast statt Hormone und Antibiotika,
Verzicht auf Tier- und Knochenmehl sowie weitgehend auf Importfutter,
schonende Transporte ins nächste Schlachthaus statt tierquälerischer
Fahrten durch halb Europa oder nach Nordafrika zum einzigen Zweck
des billigeren Geschlachtetwerdens.
An deutschen Hochschulen gehören neben Insekten, Krebsen und Ratten
auch Tauben, Kaninchen, Hunde und sogar Pferde noch immer zu den
Versuchstieren. Frösche sind trotz jahrelanger Proteste und gerichtlicher
Auseinandersetzungen als Demonstrationsobjekte in Biologie- und
Medizinpraktika noch immer beliebt.
Der "Tierverbrauch" für die Grundlagenforschung ist 1999 gegenüber
dem Vorjahr um 60.000 Tiere gestiegen. Die Zunahme betrifft Hunde,
Katzen, Affen und vor allem Mäuse und Fische.
Lebenden, nicht betäubten Fröschen wird der Kopf abgeschnitten und
das Rückenmark aufgebohrt, um das Funktionieren des zentralen Nervensystems
zu zeigen. Nach dem Versuch landen die zerstümmelten Tiere im Mülleimer.
Auch ansonsten aufgeklärte Menschen geben sich dabei ganz abgeklärt:
die Wissenschaft brauchen solche Versuche, heißt es.
Tierliebe sei sentimental und kitschig. Diese entsetzliche Tierquälerei
ist nicht nur unverantwortlich; es ist erwiesen, dass sie auch unnötig
ist.
Der Dachverband der Europäischen Wissenschaftsgesellschaften hat
sich soeben erst eindeutig für die Förderung und Anwendung von Alternativen
zum Tierversuch ausgesprochen. Mit Hilfe von interaktiven Computerprogrammen
könnten die bisherigen Tierversuche ersetzt werden. Dass alternative
Methoden ausreichen, beweist zum Beispiel die Philipps-Universität
in Marburg seit Jahren.
Wir Deutsche sind zwar Weltmeister im Züchten von Kanarienvögeln
und im Halten von Schoßhündchen, wir spendieren unserem Hansi oder
Waldi schon mal einen Grabstein - aber die Herkunft des Fleisches,
das wir zu uns nehmen, ist uns oder zumindest war uns eher gleichgültig.
Hauptsache satt!
Wir wissen zwar viel über den Preis, aber wenig über den Wert von
Lebensmitteln. An einem Wirtschaftssystem stimmt vieles nicht, wenn
ein Bauer vier Liter Milch verkaufen muss, um sich mit diesem Erlös
in seiner Dorfkneipe ein Glas Mineralwasser bestellen zu können.
Jedes zweite Küken landet bei der fabrikmäßigen Kükenproduktion
auf dem Müll, weil es das falsche Geschlecht hat. Wir mästen Truthähne
bis zum Unfallen und stopfen Hähnchen in 30 Tagen bis zur "Schlachtreife"
voll.
Die eigentliche Misere der europäischen Landwirtschaft ist nicht
der "Rinderwahn", sondern der alltägliche Menschenwahnsinn, der
zur Massentierhaltung, zu Futterimport aus armen Dritt-Welt-Ländern,
zu Überschussproduktion, zu grauenhafter Tierquälerei, zu Schweinepest
und schließlich BSE führte.
Hauptsache satt - Hauptsache billig! Die BSE-Katastrophe liegt nicht
hinter uns, sondern vor uns, sie steckt - einer tickenden Zeitbombe
gleich - schon in uns. Wir haben sie uns längst einverleibt. Denn:
bis 1989 wurden über 6.000 Tonnen potentiell BSE-haltige Tiermehle
aus England nach Deutschland und Holland exportiert und hier zur
Geflügel-, Schweine- und Kälberaufzucht verwendet.
Diese Tiere konnten gar nicht an BSE erkranken, weil sie früh geschlachtet
wurden. Sie gelangten aber trotzdem in die Nahrungskette.
Vegetarisch lebenden Tieren Tierabfälle zu füttern ist praktizierter
Kannibalismus. Und dieser Kannibalismus ist die Ursache von BSE.
Diesen Skandal nennt der britische Theologe Andrew Linzey " eines
der wichtigsten moralischen Probleme aller Zeiten". Und er macht
die Kirche des Abendlandes entscheidend mitverantwortlich dafür,
"dass wir Millionen Tieren und Schmerz, Leid und Tod zufügen".
Im Gegensatz zum buddhistischen Kulturkreis ist Tierethik heute
d e r blinde Fleck in der abendländischen Theologie- und Philosophiegeschichte.
In unserer Geschichte ist das Verhältnis Religion-Tier immer ein
Verhältnis praktizierter Gewalt gewesen. "Tiere haben keine Seele",
"Tiere sind Sachen", "der Mensch im Mittelpunkt" - so lautet das
Credo einer 2004 Jahre alten christlichen Theologie.
Der bis heute tonangebende mittelalterliche, vom "ewigen Leben"
für sich selbst natürlich überzeugte Theologe Thomas von Aquin formulierte
es so: "Die Seele des Tieres ist nicht teilhaftig eines ewigen Seins."
Die logische Konsequenz für heute: erst das Schnitzel, dann die
Moral!
Deshalb bleiben Tiere Sperrmüll, den man im Notfall - wie jetzt
- beseitigen kann. Die Kirche trat offiziell nie für die Rechte
von Tieren ein. Und der "Tier-Heilige" Franziskus ist nur die berühmte
Ausnahme von dieser Regel. Noch immer gilt: Die menschliche Spezies
gegen den Rest der Welt! Täglich rotten wir zur Zeit 150 Tier- und
Pflanzenarten aus. Unwiederbringlich.
Es gibt auch heute noch keine einzige römisch-katholische Autorität,
die sich im katholischen Spanien gegen Stierkämpfe ausspricht. In
Kanada unterstützen angloamerikanische und katholische Bischöfe
die Jagd auf Seehunde und den unsäglich tierquälerischen Pelztierfang.
In England hat die christliche Staatskirche nichts gegen sogenannten
Jagdsport auf kircheneigenem Land einzuwenden. In Deutschland waren
es ausgerechnet die sich christlich nennenden Parteien, welche die
Aufnahme des Tierschutzes in die Verfassung verhindert haben.
Papst Pius IX. hat die Eröffnung eines Tierschutzheimes in Rom noch
mit der Begründung boykottiert, Menschen hätten keinerlei Pflichten
gegenüber Tieren. Der Mann hat offensichtlich die falsche Bibel
oder die Bibel falsch gelesen. Es hätte ihm sonst zum Beispiel das
Jesus-Wort vom guten Hirten und den Schafen auffallen können oder
auch sein Hinweis: "Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch
wie die Tauben." Die Schlüsselrechtfertigungen für die Ausbeutung
der Tiere und die angeblich gerechtfertigte Gewalt gegenüber den
Tieren stammen komplett aus der jüdischen-christlichen Tradition.
Christliche Theologie ist groteskerweise ausschließlich anthropozentrisch,
einseitig auf den Menschen ausgerichtet. Sie ist menschenversessen
und tiervergessen. Das ist eine tragische Verzerrung dessen, was
Buddha unter Mitgefühl oder Jesus von Nazareth unter Liebe verstanden
hat: "Betrachtet die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes..."
oder "Was ihr den Geringsten meiner Geschwister tut, das tut ihr
mir".
Das Thema "Kirche und Tierschutz" werden künftige Historiker vielleicht
einmal als ebenso schwarzes Kapitel darstellen wie "Kirche und Hexenverbrennungen"
im Mittelalter. In der evangelischen Landeskirche Hessen gibt es
eine Ausnahme von der kirchlichen Alltagspraxis. Die Aktion "Kirche
und Tiere" hat unmissverständlich festgestellt: "Massentierhaltung
ist Sünde." Sie betont das Lebensrecht der Tiere und setzt sich
für eine strikte Gewaltvermeidung gegenüber Tieren ein. Tierquälerei
und Massentierhaltung sind demnach Gotteslästerung.
Der Kampf um originäre Tierrechte wird aber bis zum heutigen Tag
von den christlichen Kirchen eher behindert. Historisch liegt hier
die Ursache des heutigen Menschen-Tier-Problems. Deshalb haben wir
bis heute keine realitätsorientierte Tier-Ethik.
Für die Rechte der Tiere einzutreten, setzt eine spirituelle Grundhaltung
voraus. In der christlichen Tradition gibt es dafür aber bis heute
kein Gespür. Den Reichtum des Lebendigen haben wir noch nicht einmal
im Ansatz erkannt. Vielleicht hilft uns die BSE-Krise dazu. Jetzt
wo klar wird: alles, was wir Tieren antun, tun wir letztlich uns
selbst an.
Die gemeinsame Erkenntnis aller Weisheitslehrer und Religionsstifter
heißt: "Wir können nur ernten, was wir säen." Diese Einsicht wäre
die Voraussetzung um den alltäglichen Wahnsinn der Massentierhaltung
und der Massentierquälerei zu überwinden. Aus der Magna Charta des
Abendlandes: "Der Mensch im Mittelpunkt" könnte sich die neue ethische
Einsicht "Das Leben im Mittelpunkt" entwickeln. "Die Würde des Menschen
ist unantastbar", steht im Grundgesetz.
Und die Würde der Tiere? Man muss einem Rind oder einem Pferd, einer
Katze oder einem Hund nur einige Sekunden bewusst ins Gesicht und
in die Augen schauen und man beginnt etwas von unserer Verwandtschaft
mit den Tieren zu ahnen. Die Wirkung dieser "Meditation" ist kaum
zu beschreiben. Das Tierische in uns selbst und das Seelische im
Tier kann uns plötzlich bewusst werden. Das englische "Animal" (das
Tier) kommt vom lateinischen "Anima" (die Seele).
Diese Verwandtschaft von Mensch und Tier haben wir verdrängt. Hauptsächlich
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