Blogs im Englischunterricht
Manuskript für LOG IN


Stirnrunzeln? Nun auch noch Schülerinnen und Schüler als tagebuchartige Schreiber von täglichen Befindlichkeitseinträgen? Nein, das ist natürlich nicht das Konzept hinter einer quasi öffentlichen, jedenfalls im Web publizierten Darstellung von Schülerbeiträgen.

Kleiner Einschub: despektierlich gemeint ist der Blogger als "tagebuchartiger Schreiber" keineswegs: ich verfolge seit einem Jahr die Blogs ehemaliger Schüler, die ihre Zivildienst-Zeit in Israel [Hermann: http://hermy-a.blogspot.com/  ] oder in Frankreich [Kersten: http://daskerst.blogspot.com/ ] ebenso im Blog publizieren wie den Beginn eines Studiums als Online-Journalist [Kersten: http://karlshofjournalisten.blogspot.com/ ] - das sind schon sehr überzeugende Anwendungen von web2.0-Möglichkeiten, auch wenn sie mit Schule und Unterricht nichts mehr zu tun haben.

Blogs sind für mich und meinen Unterricht eine wunderbare Möglichkeit, Schreibanlässe kreativ zu nutzen und aus der individuellen Hausaufgabenecke herauszuholen, quasi öffentlich zu schreiben, auch wenn die Öffentlichkeit sich weitestgehend auf die Klasse oder den Kurs beschränkt. Die Lerngruppe nämlich ist Adressat der Einträge, Publikum ebenso wie Rezensent, denn Veröffentlichtes will gewürdigt und kommentiert werden, so dass die peer-group ebenso wie die Lehrkraft Rückmeldungen geben kann - aber fangen wir einen Schritt früher an.


Boswana bloggt: Romane, Blogs und Webseiten

Herbst 2006, wenig motivierter Grundkurs im 13. Jahrgang, also Versuch einer etwas anderen Vorbereitung auf das Leben nach der Schule: mir gefielen die Romane des Schotten Alexander McCall Smith, der wesentliche Phasen seines Lebens im südlichen Afrika verbracht hat und mit Mma Ramotswe eine wunderbar andere Privatdetektivin geschaffen hat, die in neun Romanen ihre Fälle löst. Allerdings in Botswana, denn Mma Ramotswe ist "the no. 1 ladies' detective", also eine sehr ungewöhnliche Protagonistin in einem sehr ungewöhnlichen Land. In einem "teacher's blog" [http://ramotswe.blog.com/ ] stellte ich dem Kurs Autor und Romane kurz vor und verwies mit wenigen Links auf die Webseiten von Alexander McCall Smith, auf denen sich Romanauszüge und weitere Informationen finden. Aufgabe: herauszufinden, ob es interessant wäre, einen Roman über Botswana zu lesen und sich für einen der neun Titel zu entscheiden. Zweite Aufgabe: mithilfe eines kleinen Handouts, das als word.doc von meinen Webseiten herunterladbar war, einen Blog bei blog.com anzulegen und als erste Blog-Eintragung die Hausaufgabe zu erledigen, nämlich einen kurzen Kommentar zu den Romanen von McCall Smith zu schreiben, Interesse an der Arbeit mit diesem Thema zu signalisieren und sich ggf. für eines der neun Bücher zu entscheiden.
So kam die bloggestützte Arbeit mit den Mma Ramotswe-Romanen ins Rollen. In der Folgestunde im Computerraum stellte ich eine Liste der Adressen aller Schülerblogs auf einer Webseite zusammen und die Schülerinnen und Schüler erhielten den Arbeitsauftrag, in ca. 15 Minuten mindestens zwei Blogeinträge ihrer Mitschüler zu lesen und zu kommentieren. Überraschende Feststellung: die Einträge wurden sehr interessiert gelesen, die Kommentare waren konstruktiv und kamen einem positiven Feedback sehr nahe, zum Teil sogar mit Tipps zu Rechtschreib- und Grammatikproblemen. Ich kommentierte natürlich auch.


Vier Romane hatte sich die Lerngruppe ausgesucht, Dank amazon.de wurden die Bücher flugs bestellt und in den folgenden Wochen wurde individuell und in entsprechenden Gruppen an den vier Romanen gearbeitet. Zwischendurch gab es immer wieder gemeinsame Phasen, in denen über die Protagonisten und ihre Entwicklung ebenso gesprochen wurde wie über einzelne Fälle, die Mma Ramotswe sehr eigenwillig löste, aber auch über Erzählweise und Hintergründiges. Da gab es immerhin einiges zu erarbeiten und durch WWW-Phasen zu vertiefen, denn über Botswana wusste niemand von uns auch nur etwas. Ergebnisse, Zusammenfassungen und Resultate der WWW-Phasen wurden von den Schülerinnen und Schülern in ihren Blogs präsentiert, jeweils ergänzt und aufgehübscht durch Photos und Links zu vertiefenden Informationen. Und weiterhin begann jede Doppelstunde im Computerraum mit der Aufgabe, mindestens zwei Blogeinträge zu lesen und zu kommentieren.

Das waren spannende Unterrichtswochen, in denen Computer- und traditionelle Literaturarbeit ebenso verschmolzen wie Blogeinträge im Unterricht mit solchen als Hausaufgabe. Natürlich wurde auch eine Klausur geschrieben, bei der die Lernenden ihre jeweiligen Roman- und Botswana-Kenntnisse sehr gut anwenden konnten.

Als Präsentation der Ergebnisse schlug ich Webseiten vor, deren Strukturierung gemeinsam erarbeitet wurde, so dass alle Romane mit den gleichen Stichwörtern präsentiert werden konnten. Das Design wurde von einem Schüler entworfen, ebenfalls eine Muster-Seite mit Frontpage, so dass die Gruppen eine einfache und identische Schreibvorlage hatten und keine dezidierten Frontpage-Kenntnisse notwendig waren. Neben den inhaltlichen Aspekten wurden auch Hintergrundinformationen über Botswanas Geographie und Geschichte, die AIDS-/HIV-Problematik sowie das Thema Diamanten auf den Webseiten zusammengestellt. Großer Vorteil: Fast alle Texte waren bereits als Einträge in Schülerblogs vorhanden, so dass die einzelnen Gruppen nur einleitende oder zusammenfassende Texte zu schreiben brauchten und zu den einzelnen Blogeinträgen verlinken konnten. Graphisch gestaltet wurden die Webseiten maßgeblich durch Zeichnungen von Mma Ramotswe, die von Kursmitgliedern angefertigt worden waren. Am Ende des Projektes erfolgte die Veröffentlichung der Webseiten auf der Schulhomepage und Schülerinnen und Schüler wie ihr Lehrer auch waren vom Endergebnis ganz angetan: http://www.ulricianum-aurich.de/ramotswe/ 

http://www.ulricianum-aurich.de/ramotswe/ 

Das didaktische Potential von Blogs im Englischunterricht

Meine Einschätzung nach der ersten Erfahrung mit Schüler-/Lernerblogs: Blogs bieten eine sehr gute Möglichkeit für konkrete Schreibanlässe, darüber hinaus werden aber weitere positive Faktoren deutlich:

· Schreiben am Computer motiviert per se, denn unsere Lernerinnen und Lerner sind ohnehin in digitalen Plattformen zu Hause und verbringen sehr viel Zeit vor dem Bildschirm und mit ihren web-communities
· Blogeinträge ermöglichen eine individuelle Gestaltung durch Fotos und Grafiken sowie ein individuell auswählbares Grunddesign
· Schreiben kann als kontinuierlicher Prozess unterstützt werden, wenn Blogeinträge im Unterricht begonnen und als Hausaufgabe fortgeführt werden oder wenn in einer ruhigen Phase zu Hause die Gestaltung der Einträge durch grafische Elemente perfektioniert wird
· Notizen ebenso wie Links für die Weiterarbeit am Thema stehen bereits im Blog, erleichtern also die häusliche oder schulische Weiterarbeit
· Texte aus dem Unterricht oder Hausaufgaben erhalten eine andere Wertigkeit, weil sie nicht nur vom Lehrer gewürdigt werden, was ja in der Praxis viel zu wenig geschieht, sondern weil die peer-group sie würdigt, also Adressaten vorhanden sind. Das mag den Schreibdruck erhöhen (zumal ja innerhalb einer Lerngruppe merkwürdige Beziehungen vorhanden sein können), zwingt aber zu einem halb-öffentlichen Schreiben, was Konsequenzen für Stil- und Sprachebenen hat
· die typischen stillen Schülerinnen, die im normalen Unterricht nur selten ihre Fähigkeiten offenbaren, haben in ihren Blogs eine überzeugende Plattform, um sich zu zeigen und zu demonstrieren, dass sie eine bessere Note verdient haben, als ihr unterrichtliches Engagement durch ihre mündlichen Beiträge im Normalfall ermöglicht

Meine Konsequenz aus der ersten Blog-Erfahrung:

· blog.com ist zu eingeschränkt in den technischen Möglichkeiten, wordpress.com  ist wesentlich überzeugender
· Blogeinträge werden nur am Anfang motiviert vorgenommen, im weiteren Verlauf ist Bloggen auch nur eine typische schulische Arbeit, also bedarf es konkreter Arbeitsaufträge und Impulse und immer wieder der Aufgabe, Einträge zu lesen und zu kommentieren
· die Arbeit mit Blogs muss Bestandteil der Bewertung sein, um die Ernsthaftigkeit und (positive) Konsequenz dieser Arbeitsmethode zu verdeutlichen
· auch wenn's zeitintensiv ist: konstruktive Lehrerkommentare inklusive sprachlicher Hinweise und Tipps sind für die Lernerinnen und Lerner sehr motivierend und werden als willkommene individuelle Hilfe wahrgenommen.

Lehrerblog/Lernerblogs und die Globalisierung: der Anfang

Herbst 2007: neuer Leistungskurs, neues Fach zu unterrichten, neue Blog-Einsichten. Niedersachsen hat ein zweistündiges Seminarfach eingeführt, das wissenschaftspropädeutisch vorbereiten -oder bisheriges schulisches Versagen heilend nacharbeiten- soll: Arbeits- und Lerntechniken stehen im Mittelpunkt, also das ganze gängige Repertoire, das so gar nicht überzeugend im Haus des Lernens vermittelt zu werden scheint. Thema des Seminarfachs ist "Globalisation", Basis ein englischsprachiges Spiegel-Spezial, Unterrichtssprache Englisch, da das Seminarfach bei