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2.1 Hypertext und konstruktivistische Lerntheorie
Das Lernen des Schülers ist aus konstruktivistischer
Perspektive ein aktiver Konstruktionsprozeß, den der Lernende
weitgehend eigenständig durchführt. Dabei steuern kognitive wie
affektive Prozesse die Konstruktion von Verbindungen zwischen
altem und neuen Wissen. Für diese Prozesse der
Wissenskonstruktion benötigt der Lernende Instrumente; Hypertext
wird als ein solches cognitive tool angesehen (Wolff 1994:421),
das dem Lerner ermöglichen soll, Hypothesen über die eigenen
Konstruktionsprozesse aufzustellen.
Unter anderem D. Wolff (1994) und K. Reich (1998) haben die
konstruktivistische Theorie des Wissenserwerbs analysiert und
daraus konstruktivistische Lernprinzipien abgeleitet. Inwiefern
der unterrichtliche Umgang mit Hypertext ein Weg zur Praxis eines
solchen konstruktivistischen Fremdsprachenunterrichts sein kann,
soll im folgenden angedeutet werden:
"Die Lernumgebung muß authentisch und komplex im Sinne der
realen Wirklichkeit sein" (Wolff 1994:418):
Hypertextproduktion geht von einer praktischen Aufgabe aus, deren
Lösung, das Hypertextprodukt, für eine klassen- und
schulübergreifende Öffentlichkeit in Form der Schul-Homepage
bereitgestellt wird.
"Die Lernumgebung muß so gestaltet werden, daß sie es den
Lernenden ermöglicht, ihre Konstruktionsprozesse ausgehend von
ihren individuellen d.h. unterschiedlichen Wissensständen
durchzuführen" (Wolff 1994:418): Die Netzwerkstruktur von
Hypertext erlaubt durch die Möglichkeit des Setzens
individueller Schwerpunkte eine Binnendifferenzierung bei der
Erstellung interpretativer Texte (Hallet 1998:8), wodurch jeder
Schüler sein subjektives Erfahrungswissen als Basis nutzen kann.
Da Hypertext weder ein Zentrum, damit Gewichtung, noch eine
lineare Reihenfolge bestimmter Aspekte vorgibt, können die
Schüler zu thematisch variierenden wie qualitativ
differenzierten Textproduktionen motiviert werden, die zu einem
Gesamtwerk integriert werden.
Die Hypertextstruktur unterstützt neben den eben beschriebenen
Produkten ferner den Prozeß der individuellen
Wissenskonstruktion: Indem das Netzwerk nicht-sichtbare kognitive
Vorgänge wahrnehmbar macht, wird der individuelle Lerner
veranlaßt, seine Überlegungen zur Bearbeitung einer Aufgabe zu
verbalisieren und mit anderen zu vergleichen (Gerstenmaier/Mandl
1995:877).
Der Klassenraum als Lernstätte erweist sich für eine
konstruktivistische Didatik als zu eng. (...) Radikaler wäre ein
Wechsel hin in einen offenen Raum, der eine Jahrgangsstufe mit
mehreren Klassen und unterschiedlichen Angeboten umfaßt (Reich
1998:45): Das Hypertextprodukt kann von Schülern paralleler
Klassen zeitgleich gemeinsam erstellt werden, wobei jede Klasse
ihre selbstgewählten inhaltlichen Schwerpunkte setzt. Auch kann
das Hypertextprodukt im folgenden Schuljahr nachfolgenden
Schülern durch die Schul-website zur Verfügung stehen und
fortgeschrieben werden, da Hypertext inhaltlich nie abgeschlossen
ist. Für ein derartiges klassenübergreifendes Hypertextprojekt
eignet sich Steinbecks Of Mice and Men gut, da es
Standardlektüre der 11. Klasse ist.
"Es muß dafür Sorge getragen werden, daß das inhaltliche
Gebiet in seiner Komplexität repräsentiert ist... [und] es
nicht zulässig ist, [...] Teilinhalte von vornherein
festzulegen" (Wolff 1994:417): Für die Hypertextproduktion
ist es ausreichend, daß der Lehrer nur den Kerninhalt des
Curriculums festlegt, z.B. die Auswahl der Lektüre Of Mice
and Men trifft. Die Entscheidung zu Teilinhalten, zum
Beispiel welche Themen des Romans bearbeitet werden, treffen die
Schüler nach dem Kriterium, welche ihnen wichtiger und weniger
wichtig erscheinen. Die Hypertextstruktur ermöglicht eine
Integration aller Perspektiven zu einem bedeutungsvollen
Gesamtwerk und erlaubt so eine Gleichgewichtung der gewählten
Teilinhalte.
"Kooperatives Lernen: [...] Der Lernende benötigt den
Kontakt mit anderen, um seine Hypothesen über die Umwelt zu
validieren, um Konsens über die Art und Weise, wie die Umwelt
konstruiert ist, zu erzielen" (Wolff 1994:421): Die
Erstellung der interpretativen Texte für den Hypertext erfolgt
in Teams, in denen Schwerpunkte gesetzt werden und Beurteilung
und Auswahl von Vorschlägen erfolgt. Die Herstellung von
Verknüpfungen einzelner Texte zu einem Hypertext erfordert ein
fortgesetztes Aushandeln von angemessenen und weniger
angemessenen Knotenpunkten im Netzwerk. Indem die Schüler bei
der Arbeit an ihren Teilbereichen immer auch dessen
Integrierbarkeit in das Ganze im Auge haben müssen, sind sie zu
kollektivem Lernen in Form von Diskussionen individueller
Interpretationen gezwungen.
Aufgrund des aufgezeigten theoretischen Potentials, mit dem ein
Umgang mit Hypertext konstruktivistische Prinzipien verkörpert,
läßt sich Hypertext im Unterricht wie gezeigt lerntheoretisch
begründen.