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2.2 Hypertext und fremdsprachlicher Literaturunterricht
Fremdsprachlicher Literaturunterricht ist durch Inhalte
gekennzeichnet, die von ihrer Struktur her den Umgang mit
Hypertext nahelegen: Der Gegenstandsbereich Literatur kann aus
unterschiedlichen Perspektiven behandelt werden, weist dabei
keine klaren Grenzen auf und ist entsprechend komplex. Diese
ill-structuredness des Gegenstandsbereichs schreibt der
Bearbeitung seiner einzelnen Teilbereiche keine bestimmte lineare
Reihenfolge vor; Literatur wäre unangemessen charakterisiert
durch eine festgelegte hierarchische Struktur ihrer Aspekte.
Hypertext seinerseits zeichnet sich durch eine komplexe
Verweisstruktur aus und erscheint daher geeignet, einen
derartigen Gegenstandsbereich abzubilden und eine kognitive
Erschließung der vom Inhalt vorgegebenen unterschiedlichen
Perspektiven zu ermöglichen (Tergan 1997:129). Sollen Schüler
zum Beispiel das Thema friendship in Of Mice and Men auf
verschiedenen Wegen erarbeiten und begreifen, wäre es
wünschenswert, die Erkenntnisse zum Thema auch in ihren
verschiedenen Wegen und Abhängigkeiten darzustellen. Eine solche
Darstellungsmöglichkeit bietet die nicht-lineare und
multidimensionale Lernumgebung des Hypertextes an.
Die didaktische Relevanz der methodischen Zusammenführung von
Hypertext und Literatur wird in der fremdsprachlichen
Literaturdidaktik u.a. in dem Zweig deutlich, der sich in der
literaturtheoretischen Begründung auf postmoderne
Literaturtheorie bezieht. Aus zentralen Ansätzen dieser
Literaturtheorie werden Schlußfolgerungen für den
fremdsprachlichen Literaturunterricht gezogen. Drei dieser
Ansätze in ihrer unterrichtlichen Bedeutung sollen im folgenden
dargestellt werden, um daran jeweils methodisches Potential
aufzuzeigen, das Hypertext an dieser Stelle einbringen kann.
Weskamp (1997:347f) nennt erstens die ästhetisch fundierte
Interpretationskritik. Realität wird demnach vom Individuum als
chaotisch empfunden und entsprechend entsagt Kunst der Kodierung
sinnhafter Strukturen zugunsten eines Spiels mit den nunmehr
überholten Formen. Interpretationsaufgabe kann demnach nicht
mehr die Dekodierung eines im Text angelegten allgemeingültigen
Sinnes sein. An die Stelle schematischer Analyse tritt der in der
Didaktik mittlerweile etablierte personal response approach, in
dem die Schüler weniger als Rezipienten von Zeichen, sondern als
Produzenten individueller Reaktion arbeiten.
Die Produktion von Hypertext ermöglicht einen derartigen
individuellen Zugang zum einen in dem Prozeß seiner Erstellung,
da die offene Hypertextform die komplexen Arbeitsprozesse der
Lerngruppen optimal dokumentieren kann, und dem postmodern
festgestellten Empfindungschaos eine nicht-lineare Struktur
anbietet, die das "Chaos" der individuellen
Schülerergebnisse angemessen, weil nicht hierarchisch, anordnet.
Zum anderen ist es das Produkt, das eine unterrichtliche
Umsetzung der ästhetisch fundierten Kritik ermöglichen kann.
Denn der zu erstellende Hypertext ist ein authentisches Ergebnis,
das für einen wirklichkeitsrelevanten Kontext, die
Schul-Homepage, geschaffen wird. Damit lädt es Schüler zu den
speziell individuellen Reaktionen auf Literatur ein, die dem
postmodernen Lebensgefühl Ausdruck verleihen; Texterstellung
allein für die Hand des Lehrers und der Zensierung würde
möglicherweise weniger an individuellem Ausdruck zur Sprache
bringen.
Die wissenschaftstheoretisch am radikalen Konstruktivismus
ausgerichtete Literaturkritik als zweite Variation postmoderner
Literaturheorie stellt Welterfahrung als individuellen
Verarbeitungsprozeß dar; Objektivität ist nicht mehr möglich
(Weskamp 1997:349f). Literarische Textbedeutung kann demnach
nicht existieren, sondern erst beim Lesen vom Leser konstruiert
werden. Zu dieser Betonung individueller Lesarten tritt die
Relevanz des intersubjektiven Austauschs, da die Konstruktion von
Textbedeutung auch über das Aushandeln in der Gruppe generiert
wird. Dieser literaturwissenschaftliche Konstruktivismus kann
durch Hypertexterstellung im Rahmen einer Textinterpretation
umgesetzt werden, da die Schüler beim Erstellen von
Verknüpfungen und weiterführenden Bezügen die bestmöglichsten
Varianten untereinander aushandeln müssen. Dabei entscheiden sie
nicht nach Kriterien wie "richtig" und
"falsch", sondern "plausibler",
"interessanter", etc., und diskutieren dadurch die
Bedeutung, die ein Text für sie selbst und andere hat. Damit
wäre das postmoderne Verständnis von Lesen als einem Prozeß
der Personalisierung und Veränderung von Erfahrung angewendet.
Der dritte heranzuziehende Ansatz postmoderner Literaturtheorie
ist die erkenntnistheoretisch fundierte Interpretationskritik.
Demnach entzieht sich die Sprache einer eindeutigen Fixierung auf
Bedeutung. Die Konvention, der sprachlichen Arbitrarität durch
festgelegte Signifikat-Signifikant-Entsprechungen zu entgehen,
löst sich auf. Bedeutung kann nie endgültig einem Wort
zugewiesen werden; stattdessen verweist jedes Wort weiter auf ein
anderes. Entsprechend gilt für Texte, daß die Zuweisung von
Bedeutung unabschließbar, damit offen ist, da er auf weitere
Texte verweist, die ihrerseits weiterführen
1 .
Dieses intertextuelle Textverständnis entspricht der Struktur
von Hypertext, der somit die intertextuellen
Schülerinterpretationen an der Textoberfläche sichtbar machen
kann. Dabei ist es die intertextuellen Erfahrung der Schüler,
daß ein Aspekt unabschließbar fortgesetzt werden kann und dabei
in seiner Bedeutung eine Veränderung durchläuft, die durch die
Netzwerkstruktur sichtbar und somit wahrnehmbar gemacht wird. Das
verflochtene Netzwerk bildet explizit die Tatsache ab, daß
intertextuelle Verweise sich oft nicht-linear ergeben, indem sie
aus entlegenen Bereichen zusammentreffen (z. B. verweist in Of
Mice and Men das Schicksal von George and Lennie auf die
biblische Paradiesgeschichte). Das Hypertextkennzeichen der
Unabgeschlossenheit führt den Schülern darüberhinaus sichtbar
vor Augen, daß eine Textinterpretation nicht abschließbar ist,
denn ihrem Hypertext können nachfolgende Klassen weitere Texte
hinzufügen. Zusammenfassend erscheint Hypertext aufgrund der
aufgezeigten konzeptionellen Parallelen als natürliche
Lernumgebung für ein intertextuelles Textverständnis und kann
damit intertextuelles Lesen beim Schüler fördern.
Nach Weskamp ermöglichen literaturunterrichtliche
Vorgehensweisen, die alle drei genannten textheoretischen
Ansätze in den Unterricht integrieren, eine "ganzheitliche
Behandlung von Texten und können damit Schüler für Literatur
begeistern, weil sie unterschiedliche Vorlieben und Neigungen
berücksichtigen und fördern" (Weskamp 1997:351). Da für
den Umgang mit Hypertext zu allen drei textheoretischen Varianten
eine theoretische Nähe hergestellt wurde, kann eine
literaturdidaktische Legitimation von Hypertext angenommen
werden.