zurück zur Leitseite weiter zum nächsten Kapitel
Kooperatives Schreiben
Wenn Schüler einen gemeinsamen fremdsprachlichen Text
aushandeln, fördert dies zunächst ganz allgemein die
sozial-kommunikative Kompetenz der Teamfähigkeit (Donath
1998:54). Kritischer ist zu diskutieren, welcher Lerngewinn in
Bezug auf die Grundfertigkeit "Schreiben" mit dieser
Sozialform im Gegensatz zur Einzelarbeit erzielt werden kann;
dies interessiert im besonderen angesichts der beobacheten
Schwierigkeiten einer Ergebnissicherung von Gruppenarbeit im
Plenum (vgl. den Abschnitt "Sicherung von
Gruppenergebnissen" in diesem Kapitel). Ein permanent zu
beobachtendes Schülerverhalten in dieser Unterrichtsreihe war,
daß Planungsäußerungen in der Muttersprache erfolgten und
anschließend wörtlich übersetzt wurden. Wurde in dieser Reihe
kein wirlich wirksames Konzept dagegen entwickelt, könnte für
zukünftige Vorhaben das Forschungsergebnis von Legenhausen
(1993) relevant sein und ein Grundproblem kooperativen Schreibens
eingrenzen: Nach Legenhausens Untersuchung hat die Art der
Textplanung Einfluß auf das Ausmaß an muttersprachlichen
Satzvorschlägen. Dazu unterscheidet er zwei Arten der
Textplanung: bottom-up und top-down. Bei bottom-up-Planungen
erfolgt die thematische Progression der Textplanung additiv und
einzelsatzorientiert, was nach seinen empirischen Ergebnissen zu
hoher Anzahl muttersprachlicher Satzvorschläge führt - als
Beispiel führt er das Thema school an. Werden hingegen Aufgaben
zur Textproduktion gestellt, bei denen die Gruppe zunächst einen
allgemeinen Rahmen festlegen muß, indem eine Themensammelphase
zur Festlegung auf einen plot und davon abzuleitenden
Einzelthemen den Textplanungsprozeß bestimmen, ist der Anteil
zielsprachlich formulierter Satzvorschläge höher (Legenhausen
1993:222). Für den Umgang mit Hypertext kann aus diesem Ergebnis
gefolgert werden, daß in dieser Unterrichtsreihe zu viel
Planungsarbeit im Plenum erfolgte. In den Teams wurden
detaillierte Planungen über Inhalte überflüssig. Stattdessen
brauchten die Planungsäußerungen im Team nur noch auf den
jeweils nächstfolgenden Satz bezogen zu werden, was den hohen
muttersprachlichen Anteil an Satzvorschlägen provozierte.
Grundsätzlich scheint der Umgang mit Hypertext einer
top-down-Planung in Teams entgegenzukommen, da Hypertext aufgrund
seiner Strukturmerkmale die Integration individueller
Teamergebnisse ermöglicht.
Das kooperative Schreiben erfolgte in dieser Reihe wechselweise
im Klassenraum und am Computer; es wurde keine strikte Vorgabe
gegeben, wie sie bei Donath vorgeschlagen wird (Donath1998: 16),
daß zunächst ein Textmanuskript ohne Computer erstellt werden
sollte, bevor die Eingabe in den Computer erfolgt. Der Verzicht
auf ein solches Vorgehen in dieser Unterrichtsreihe sollte den
Schülern wahlweise ermöglichen, am Computer gemeinsam einen
Text auszuhandeln. Davon versprach ich mir einen dialogischeren
Planungsprozeß, da ein Texteditor flexibler auf
Veränderungsvorschläge reagiert und den entstehenden Text für
alle deutlich lesbar präsentiert - mehr Schüler eines Teams
dadurch möglicherweise ermuntert werden, differenziertere
Vorschläge und Verbesserungen einzubringen. Überprüft wurde
diese Vermutung in dieser Reihe nicht. Ein mögliches Instrument
dazu könnte ein Wortprotokoll sein. Legenhausen (1993) hat diese
Technik benutzt, um Lernfortschritte bei Schreibprozessen
festzuhalten und entprechend den Dialog der Schüler während des
Schreibens auf Tonband aufgezeichnet. Mit dieser Technik könnte
meine Vermutung überprüft werden, ob beim kooperativen
Schreiben am Computer mehr und reflektiertere Satzverbesserungen
im Team geäußert werden als beim Schreiben im Klassenraum.
Ließe sich das mit ja beantworten, würde das für den Umgang
mit Hypertext bedeuten, daß der Einsatz eines Texteditors nicht
erst zum Abtippen der im Prinzip fertigen Texte erfolgt - was im
übrigen ein rein mechanisches Handeln ist, was als Prozeß
selbst kaum didaktisch legitimiert werden kann, sondern für den
Prozeß des kooperativen Schreibens nutzbar gemacht wird.
Ein weiterer Untersuchungsbedarf im Rahmen zukünftiger Vorhaben
besteht zu der Frage, im Rahmen welcher Sozialform die Textform
des Hypertext seinen optimalen Produktionsrahmen findet;
Kriterium muß dabei sein, daß die Sozialform den Rahmen dafür
schafft, daß die Schüler die hypertextuellen Strukturmerkmale
als Werkzeug für ihre Denkprozesse einsetzen können.
Vermutungen aus dieser Unterrichtsreihe auf der Basis der hier
reflektierten top-down-Textplanung in der Gruppe bedürfen einer
Überprüfung.