zurück zur Leitseite       weiter zum nächsten Kapitel



Wissenskonstruktion in hypertextbedingter Lernumgebung

Hypertexterstellung stellt einen Bezug zu lebensweltlich relevanten Erscheinungen der Schüler dar, da der Hypertext im Rahmen der Schul-Homepage veröffentlicht werden kann und über lange Zeit hinweg auch Adressaten außerhalb der Lerngruppe zugänglich ist. Das Produkt kann von den Schülern für ihre eigene Person als bedeutsam empfunden werden, da Publikationen im WWW ein breites Publikum finden und ein weitreichendes Feedback nach sich ziehen können (Döring 1997). Eine Seite mit handgeschriebenen Unterschriften aller Schüler kann dem Hypertext beigegeben werden, damit die Schüler als Autoren identifiziert werden können.
In der Gesamtheit der von den Schülern konstruierten Hypertext-Bausteine wird es den Schülern möglich, sich im Rahmen von als lebensecht akzeptierbaren Aufgabenstellungen inhaltlich engagiert schriftlich zu äußern, um fremdsprachliche Handlungskompetenz zu entwickeln.
Gerade das Erstellen von interpretativen Texten ist für Schüler oft nur eine Pflichtübung ohne authentischen Bezug, denn nur der Lehrer wird ihr Texte lesen, und das weniger, weil er an der Schülermeinung interessiert ist, sondern um die Texte auf Fehler und Leistungsniveau hin zu überprüfen. Anders bei den Texten, die die Schüler für den Hypertext verfassen: Sie wissen, sie müssen Qualität abliefern oder sie riskieren, für längere Zeit vor der Schulgemeinschaft und darüber hinaus als Dilletanten dazustehen. Neben den interpretativen Texten können die Schüler auch Lehrmaterialien, z.B. if-Satz-Übungen und ein if-Satz-Regelwerk erstellen, die von anderen Schülern im Internet zum Lernen verwendet werden können. Damit kann die ästhetisch fundierte Interpretationskritik im unterrichtlichen Vollzug nutzbar gemacht werden (vgl. Kap. 2.2) .
Da Of Mice and Men Standardlektüre ist, können nachfolgende Lerngruppen den produzierten Hypertext als Informationsquelle und Impuls für eigene Schwerpunktsetzung bei der Behandlung des Romans nutzen. Auch kann der Hypertext von ihnen weitergeschrieben werden. Denn von seiner Struktur her offen, ist der Hypertext beliebig fortsetzbar, Schwerpunkte können nach Interessen der Schüler gesetzt werden. Der produzierte Hypertext stellt sich damit nicht als abgeschlossene Datenbank seinem Publikum vor, wie es viele Projekt-Reader tun, sondern schafft einen dynamischen sozialen Handlungsraum.
Damit kann ein sogenanntes schulinternes Intranet etabliert werden: Verschiedene Lerngruppen arbeiten an einem digitalisierten Produkt, das alle interessierten Lerngruppen über über das schulinterne Computernetzwerk ergänzend gestalten können; eine Schreibschutzoption kann gewährleisten, daß der Bestand nicht verringert wird. Damit geben sich die Schüler gegenseitig Anregungen, möglicherweise auch Ansporn, es mindestens so gut wie die anderen zu machen. Das Intranet kann sowohl von einem Jahrgang zum nächsten zur Fortführung des Hypertextes genutzt werden, als auch von Parallelklassen, die zeitgleich auf das Produkt zugreifen. Es wird deutlich, daß die These von Reich (1998) zur idealen Lernumgebung eines konstruktivistisch legitimierten Unterrichts (Kapitel 2.1) durch Umgang mit Hypertext realisierbar ist.
Die von den Schülern konstruierte Hypertextsequenz ist das sichtbar gemachte Beispiel für die Initiierung eines Subjektivierungsprozesses, der nach konstruktivistischer Lerntheorie für erfolgreiches Lernen ermöglicht werden muß. Hypertexterstellung erfüllt daran anknüpfend die lerntheoretisch aus dem Subjektivierungsprozess abgeleitete Forderung, daß Schüler ihre Leistung nach dem Prinzip + /- funktionstüchtig, statt "richtig" und "falsch" erbringen sollen. Denn die Schüler entwickelten die Sequenz aufgrund von möglichen Beziehungen zwischen einem Wort/Phrase und einem daran anzuknüpfenden link; der link mußte mit inhaltlichen Anknüpfungspunkten legitimiert werden, entsprechend konnten die Lösungen, die gesetzten links, nach inhaltlicher Funktionstüchtigkeit bewertet werden. Damit ermöglichte das Setzen von links, wie in Kapitel 2.1 zur didaktischen Funktion vermutet, daß die Schüler selbständig entschieden, welchen Aspekt sie aufgreifen, indem sie einen link setzten, und indem sie auch entschieden, wie sie damit weiterarbeiten.
Die Anwendung von Hypertext auf Literaturbehandlung zeigte, daß den Schülern durch Hypertext sichtbar wurde, aus welchem Geflecht an möglichen Zugangsweisen ein literarisches Werk besteht, konkret wurden sie in die Lage versetzt, Of Mice and Men als Literatur qualitativ zu bewerten. Denn ihr poduzierter Hypertext offenbarte ihnen das Kriterium vom Ausmaß der Anlage potentieller textueller Bezüge in einem literarischen Werk als Ausdruck seiner Qualität. Die Vieldimensionalität eines Textes ist ansonsten im Literaturunterricht nur verbal kommunizierbar und konnte in hypertextueller Lernumgebung eine unmittelbarere Mitteilungskraft durch die explizite Konstruktion von Querverbindungen erlangen. 5
Die Schüler dieser speziellen Lerngruppe brachten unterschiedlich differenziertes Wissen über Hypertext als Unterrichtsvoraussetzung mit. Im Rahmen der gemachten Erfahrung kann nun diskutiert werden, ob die durch die Lerngruppenanalyse geprägte didaktische Strukturierung des Lernbereichs Hypertext sinnvoll war. Das Ziel lautete, bei den Schülern das Wissen um Hypertext in seiner inhaltlichen und formalen Qualität progressiv zu entwickeln. Die zweite Stunde führte den inhaltliche Charakter von Hypertext ein, die vierte Stunde den formalen. Für die Schüler wurde dieser Prozeß im entstehenden Produkt sichtbar, welches das Fortschreiten der Kompetenz abbildet: Anfängliche Schülertexte standen zunächst als arbiträre Elemente nebeneinander und erfuhren im Verlauf der Unterrichtsreihe ihre Verknüpfung und Erweiterung zu komplexer werdenden Hypertextgebilden, die in der achten Stunde im Gesamt-Hypertext mündeten. Im Vollzug der Reihe zeigte sich allerdings, daß in der achten Stunde die Vernetzungsbemühungen eher kleinschrittig gedacht waren. Vorschäge für Team-übergreifende Verknüpfungen kamen eher spärlich; naheliegende Querverbindungen wurden spontaner geäußert. Hieran zeigt sich, daß die Schüler die besondere Qualität von Hypertext, das Zusammenbringen von konzeptionell im allgemeinen weit Auseinanderliegendem, nicht bewußt einsetzten, entsprechend nicht deutlich verinnerlicht hatten. Die Reflexionsphase in der 7. Stunde hätte möglicherweise zu einem früheren Zeitpunkt angesetzt werden können, um eine Einübung des bewußt gemachten Wissens zu erlauben, anstatt, wie geschehen, in der direkt folgenden achten Stunde die letzte ausführliche Gelegenheit zum Praktizieren zu geben. Auch die Beobachtungen der vierten Stunde unterstützen eine früher in der Reihe anzusetzende Hypertextinformations- und übungsphase: Einzelne Schüler zeigten noch immer Unsicherheiten in der Hypertextgestaltung, entsprechend konnten sie bis dahin das Hilfsmittel Hypertext nur eingeschränken benutzen. Hätte ihnen das Hilfsmittel Hypertext vollständig seit Beginn der Auseinandersetzung mit Of Mice and Men zur Verfügung gestanden, hätten sie es umfassender auf die Inhalte anwenden können.
Anstatt wie in dieser Reihe geschehen, Hypertext parallel mit der Erschließung des Unterrichtsgegenstandes Of Mice and Men zu erarbeiten, wäre nach den gemachten Beobachtungen alternativ vorzuschlagen, zu Beginn der Unterrichtsreihe die Einführung in Hypertext anhand eines den Schülern bekannten Inhalts durchzuführen. Möglicherweise bestand eine Überforderung einzelner Schüler darin, zwei neue Lernbereiche - Of Mice and Men und Hypertext - gleichzeitig zu erschließen.
Bezogen auf die in Kapitel 2.1 dargestellten konstruktivistischen Prinzipien der Unterrichtsstrukturierung lassen sich die eben festgestellten Defizite im Kontext des Konstruktivismus wie folgt präzisieren: D. Wolff wurde in Kapitel 2.1 mit der These zitiert: "Es muß dafür Sorge getragen werden, daß das inhaltliche Gebiet in seiner Komplexität repräsentiert ist... [und] es nicht zulässig ist, [...] Teilinhalte von vornherein festzulegen" (Wolff 1994: 417). Entsprechend wurde in dieser Unterrichtsreihe zwar das Wissensgebiet der Lektüre in seiner Komplexität repräsentiert, allerdings nicht das inhaltliche Gebiet des Hypertextes, das in seiner Komplexität - Inhalt und Form eines Hypertextes als website- zu erarbeiten war. Erst in Kenntnis eines komplexen Kontextes findet konstruktivistisches Lernen statt - hier die Produktion einer Hypertext-website. Dadurch werden die Schüler in die Lage versetzt, in neuen Kontexten - z.B. Hypertext-websites in anderen Fächern oder im zukünftigen Beruf - handlungsfähig zu sein. Da aber in dieser Unterrichtsreihe der Kontext erst im Verlauf der Stunden schrittweise bewußt gemacht wurde, ist zu vermuten, daß kein optimaler Transfer des erworbenen Wissens - hypertextuelle Strukturierung von Textinterpretation - auf neue Kontexte - hypertextuelle Strukturierung von Touristeninformationen z.B. - eintreten wird.
Eine Möglichkeit, Schüler zu Beginn einer Reihe anzuleiten, Hypertexte in ihrer Struktur zu erfassen, könnte sein, ihnen an bekannten Inhalten Übungen zu hypertextuellem Denken anzubieten, um eine Abgrenzung zum Charakter linearer Texte deutlich zu machen. Erst in der Abgrenzung zu traditionellen Texten können sie das Potential von Hypertext erkennen und nutzen. So könnten die Schüler zunächst den Auftrag zur Rezeption erhalten, indem sie im WWW drei links verfolgen sollen und darüber reflektieren, was sie dabei gelernt haben. Anschließend könnte eine Übungsaufgabe lauten, 2-3 Texte im WWW zu lesen und anschließend weitere links vorzuschlagen, um dann zu reflektieren, was sie dabei über den Inhalt gelernt haben. Entscheidend für alle Vorgehensweisen scheint zu sein, daß die Schüler in einem kompakten Durchgang lernen, was Hypertext von traditionellen Texten unterscheidet, bevor sie selbst eigene Hypertexte produzieren.



zurück zur Leitseite       weiter zum nächsten Kapitel