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literamos 11/03 |
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2. Johanna Mehner: Obdachlos 3. Anne-Kathrin Lange: Herbstküsse 4. Martin Vogt: Es war einmal. - Das Leben. 5. Ulrike Bürgel: Kleinigkeit 6. Laura Willikonsky: Abend 7. Ulrike Bürgel: Kleine Freiheit 8. Martin Bürger: Im Bundestag 9. Tilman Thiel: Der Jongleur 10. Martin Vogt: Der Phantasieenkel 11. Frances Golz: Leidenschaft 12. Martin Vogt: Verkehr(t) 13. Ulrike Bürgel: Once Again 14. Eva Becker: Vereitelter Selbstmord in Niederschönhausen 15. Frances Golz: Gedanken eines Morgens 16. Oliver Schubert: Lebensmüde Füchse 17. Anna Hohle: Der Narr denkt 18. Margarete Heinze: Katja Siebenhühner |
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Seitenende |
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Klaus Loscher (Lehrer) der Germanistik, berühmt sind sie als Sammler bis heut. Wer ist gemeint? Lösung! ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Johanna Mehner (Kurssystem) OBDACHLOS Wenn es
Nacht wird in Berlin, gehen sie auf Suche. Niemand
bemerkt sie am Tage. Sie haben
immer Hunger, stehen stets an der Schwelle zum Tod
an kalten Tagen. Einfach
so abgestempelt, ohne dass sie jemand kennt. Es gibt
sie überall. Für
sie gibt es kein Zuhause im eigentlichen Sinn. Ihre
Heimat ist dort, wo sie sich sicher fühlen. Langweilen
sich Kinder vor dem Fernseher, sind sie
unterwegs. Betrachten
Leute das bunte Treiben der Blätter, stapfen
sie hindurch. Spazieren
Pärchen durch frischen Schnee, so fehlt
von ihnen jede Spur. Vielleicht
haben sie einen Platz an der Sonne ergattert. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Anne-Kathrin Lange (10a) HERBSTKÜSSE Vollmond. Treibende
Wolken. Herbst, Öffne
dein Fenster Und atme. Der Wind ist ein
inniger Kuss an dich. Und die
fallenden Blätter sind
meine Tränen... ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Martin Vogt (Kurssystem) ES WAR EINMAL. - DAS LEBEN. Das
Leben. - Es
beginnt mit einem Beben. Egal, was
man davon hält, >Schwupp<,
schon ist man auf der Welt. Zuerst
muss man lernen, Um die
Welt zu versteh’n. Man denkt
sich in Fernen Und ist
doch so >kleen<. Karriere,
Job, Beruflichkeit, Gewiß
entwickelt sich ‘n Streit. Denn man
denkt nur an sich selber, Behandelt
andere wie Kälber. Doch
eines Tages ist’s soweit: Ein
Überholmanöver durch die Zeit. Alt und
sitzend auf’m Stuhl, Man
findet sich noch immer cool. Nur
leider hat man nicht geschnallt, Was man
erreicht hat mit Gewalt: Die
Einsamkeit zu sich geholt... Das
Leben. - Es ist
jetzt verkohlt. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Ulrike Bürgel (Kurssystem) KLEINIGKEIT Ein
Schmetterling saß
auf meiner Schulter. Ich sah
ihn und war froh. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Laura Willikonsky (10d) ABEND Nicht
schlafen können Nichts
richtig machen Alles,
weil sie in sein Leben trat Angst vor
der Gewissheit Jetzt ist
es raus! Abends
stand er vor der Himmelspforte. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Ulrike Bürgel (Kurssystem) KLEINE FREIHEIT KLEINE
FREIHEIT SOLL LEBEN! Kleine
Freiheit, habe Geduld Kleine
Freiheit, wachse mit jedem Schritt Kleine
Freiheit, wir brauchen Dich Was Du
brauchst Hilfe? Hole
Deinen Bruder, die
Große Freiheit Kleine
Freiheit, Große Freiheit hat
keine Zeit? Wer soll
Dir dann helfen? Kleine
Freiheit, die Menschen? Kleine
Freiheit, verstehe ich Dich richtig? Jeder
muss für sich mit Dir und an Dir arbeiten? Kleine
Freiheit, das schaffen die Menschen nicht. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Martin Bürger (10a) IM BUNDESTAG Satte
Langeweile Saubere
Westen Leere
Sitze Höhnisches
Lachen Und Angestrengter
Beifall Der
wenigen Gleichgeblockten. Fassungsloses,
staunendes Schweigen Auf den
Rängen. Soviel
Fäulnis In einer
hellen Schale. Ihr
fragt: Wo Hast Du Das Gesehen? ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Tilman Thiel (Ehemaliger Schüler) DER JONGLEUR Größer
werden nun die Kreise, die der
Zauberball beschreibt, der
Schollen von verbranntem Eise auf
Bächen aus dem Diesseits treibt. Der
Zauberer wirft seinen Ball jetzt
höher noch durch laue Lüfte, und es
zeugen milde Düfte von des
Winterreichs Zerfall. Der
Magier jongliert mit rundem Feuer, spielt
hoch die Kugel in das Zirkuszelt, läßt
gelbe Tulpen aufersteh’n, die neuer Glanz und
Anfang sind für seine Welt. ... bis einmal er die Kugel nicht mehr hält. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Martin Vogt (Kurssystem) DER PHANTASIEENKEL (in Erinnerung an Michael Ende) Endomann. Das ist
so einer, Ein
Zauberer. Ein
wirklich feiner! Er wohnt
in einem großen Haus Und
schielt echt oft zum Fenster raus. Er
zaubert mit Computerkabeln Märchen,
Gedichte und auch Fabeln, Mit großen
und auch kleinen Wesen, Mit Hexen
auf ‘nem schnellen Besen, Mit
Gnomen die ja jeder kennt, Und einer
Eule, die grad’ pennt. Er
wandert in Gedanken fort, Er rast
im Kopf von Ort zu Ort, Tippt
geschwind die Daten ein Und
findet ‘ne Idee ganz fein. Ist es
dann ein tolles Werk, Schickt
er’s weiter an ‘nen Zwerg. Joachim
Zwerg, das ist der Leiter Des
Verlages namens „Reiter“. Zwergs
Devise als Verlagsvertreter: „Veröffentlicht
wird’s nur wenig später!“ Nach
einer Stunde ist’s so weit, Ein
veröffentlichtes Werk. Bereit! Es ist
nur nicht im Buch zu suchen, Man kann
sich’s für’n Speicher buchen. Monate
später wird berichtet, Dass kein
Umsatz wurd’ gesichtet. Dabei war
die Story einfach geil, Der
Handlungsablauf .. Gespannt wie ein Seil. Der Zwerg
trifft später Endomann, Sie
fangen wild zu reden an, Und gar
schnell ist die Sache aus, Beim
Gespräch ... da kam heraus: Phantasie, Die liegt
den Leuten fern, Sie ist
einfach unmodern. Traurig
sitzt er nun verlassen, Alles
and’re als gelassen. Und
lässt sich dazu verleiten, Denkt
zurück an alte Zeiten: „Wie
schön war damals doch das Leben, Als es
noch Bücher hat gegeben.“ ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Frances Golz (Kurssystem) LEIDENSCHAFT Sie
lauert in uns allen. Sie
schläft und wacht in
ständiger Erwartung. Plötzlich blickt
sie hervor, öffnet
ihr großes Maul und
heult. Die
Leidenschaft beherrscht
uns alle, und wir gehorchen
ihr. Was bleibt uns anderes übrig? ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Martin Vogt (Kurssystem) VERKEHR(T) Straßen
ziehen durch das Land Wie ein
dickes, graues Band. Personen,
Bahnen, Kfz, Keiner ist
zum andern nett, Denn man
muss von hier nach dort, Verschwinden
schnell von diesem Ort, Um am
Ende dazusteh’n Und als
Sieger sich zu seh’n. Fragt
sich bloß: Warum so fix? Genützt?
Das hat es scheinbar nix. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Ulrike Bürgel (Kurssystem) ONCE AGAIN once
again seen once
again talked once
again kissed once
again loved once
again divided but no one can take me
away the
beautiful time the
beautiful memories I had I have and I will
have. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Eva Becker (Lehrerin) VEREITELTER SELBSTMORD IN NIEDERSCHÖNHAUSEN hinterm
verwunschenen Erichschloss lieg ich auf dem
Nachlass meines Liebsten up up and
away direkt vom blauen Badetuch steigt
ein kleiner Teddybär in ‘nen Zeppelin und will nach
Hawaii denn dies Land ist köstlicher als alle
Liebe flüsterte hier Gorbi den
Satz vom Zuspätkommen und Bestraftwerden ? wusch
Erich hier wie seine Mutter ihn gelehrt hatte das Cäsium vom
Kohlkopf oder war’s
ein Eselskopf der im Lauf nicht zu bremsen war? irgendein
Unsinn schwirrt hier herum und sticht
mich auch zwackt was und pinkeln die Ameisen immer ans
Bein beißen ins Knie das Schloss bröckelt
so vor sich hin winkt träge gardinengrau
blinzelt aus traurigen Fensteraugen und schreit nach
einem West-in-West-in-Gottes-Ohr ob ich
dann noch kostenlos und bar busig
hier liegen dürfte mein Fahrrad daneben? der
anheimelnde Verfallscharme des sagenhaften Dachdeckermärchenkönigs
wiche einer
knallhart kalkulierten Kapitalinvestition am liebsten schösse
ich mir jetzt eine Kugel in den Kopf mit
Schleier und Schleppe kommt die
weiße Königin und lächelt in die Linse zwei Stunden
lang possierlich mit Bräutigam und Mischpoke die
pokert aber nicht die mischt sich bloß unters
Geäst und Gesträuch und Gewies und lächelt was ist
eigentlich die Halbwertzeit von Liebe? ach Erich
warum hast du dies Kerngeheimnis nicht
auch noch zum Besten gegeben? Bäume
gibt es hier die sind innen hohl und
Brunnen ohne Wasser und chinesische
Teehäuschen so unchinesisch es geht eben hier
sehr menschlich zu ungezwungen wirbelt
ein Mann seinen
Hund herum gleich nebenan feiern Kinder Kinder
Geburtstag festgebissen
in ein Springseil hat sich der Kleine und lässt und
lässt nicht los wie süß wie
niedlich unschuldige Spiele in freier
Natur zwischen diesen Kiefer möchte
ich nicht geraten da wär es doch besser gleich und
schnell so einfach in die Schläfe ich hau
hier ab was soll das alles
hier noch und wer weiß wie lange
immer so weiter diese Wochenenden up up ich
entschwebe und entfleuche und away unten
liege ich auf
blauem Badehandtuch sieht aus wie’n
Piktogramm vom Roten Kreuz oder so Doppelgebirge
über tendenzieller Faltung und erhebenden
Niederungen schöne
Geografie von Gliedmaßen und Gewusel ungewaschener
Haare ich ziehe
mich raus zoome
summe schwebe bin
leicht vermische löse
auf in Luft und Wolke verdampfe dampf ab mach die
Flocke no more
pain no more longing not at all ich
flocke aus flippe
aus fliege mach die
Fliege mein
nachgelassener Körper im Parkgrün zwischen
Friedenskirche und Bronzeossietzky der nicht
fortkann und sich immer gegen irgendwas nach vorn
stemmen muss so klein wie der
ist auch Pankow schön von hier oben nun sehe
ich auch schon das Meer?
mitnichten im
Süden doch wohl noch nicht so
schnell o mein Gott schwappt
ein Hochwasser heran und ich rufe Erich das
kann nur der Klassenfeind machen so was ich
weiß nicht soll sich eine
halbnackte mittelalterliche Dame angesichts
einer Kapitalistenverschwörung die mit viel
Wasser das von Tschernobyl nachgelassene strahlende Cäsium
endlich wegspülen will not to water but to
investigate usw. usf. am
idyllischen Samstagnachmittag eine
Kugel in den Kopf jagen und noch
dazu mit einer Pistole die sie grad nicht dabei hat? ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Frances Golz (Kurssystem) GEDANKEN EINES MORGENS Fahrende
Bahnen, die durch einen Windzug die in der Früh’
entstandenen Gedanken der noch schlecht gelaunten Passanten
vorbei ziehen lassen. Zwischen
all dem sitze ich mit meinen allein. Stürmende
Winde, die meine Ideen und Wünsche tanzen lassen wie
lose Blätter auf dem Gehweg. Zwischen
all dem sitze ich mit mir allein. Ein
kalter Windhauch, der die am Morgen existierenden Ängste
vorantreibt und gedeihen lässt. Zwischen
all dem sitze ich mit meinen allein. Ich
gebe mir einen Ruck und stehe auf, die
schlechten Gedanken eines kalten Wintermorgens verblassen
und hören auf zu sein. Zwischen
all dem sitze ich nun nicht mehr allein. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Oliver Schubert (11E2) LEBENSMÜDE FÜCHSE (Der
folgende Text wurde vom Autor 1999 in der Menzel-Schule bei einem Redewettbewerb
vorgetragen.) Vortrag
von Dr. Dr. Brunstklug, gehalten auf der XXXVII. Tagung des Verbandes Deutscher
Tierpsychiater (1999) Verehrte
Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren, wenn
abends einsame Autos über die Landstraße rasen, kommen sie hervor:
die lebensmüden Füchse. Sie werfen sich meistens vor die Autos, weil
sie Minderwertigkeitskomplexe haben. Diese entstehen oft durch Misserfolge im
Job. Es gibt nämlich grundsätzlich zwei verschiedene Fuchstypen. Der
erste ist der geborene Businessman. Den Schwächeren spielt er den
Supercoolen vor, vor den Stärkeren allerdings unterwirft er sich und
probiert sich einzuschleimen. Er ist der Schrecken aller Hasen und Jagdhunde.
Für die Autofahrer ist er eine Horrorfigur, da er den Selbstmord nur
vortäuscht. Der
zweite Typ ist ein Loser. Er wird von allen wegen seiner Tollpatschigkeit
ausgelacht. Das beste Beispiel für seine Tollpatschigkeit ist die
Hasenjagd, bei der er jedesmal Pech hat. Entweder stolpert er über Steine
oder stößt sich den Kopf an tiefhängenden Ästen und bleibt
benommen liegen. Den Jägern entkommt er nur, weil die Jagdhunde sich
lachend am Boden wälzen. So führt er ein trostloses Leben und muss
sich wegen mangelnden Jagdglücks vegetarisch ernähren. Oft haben
diese Füchse auch Tollwut, was aber sehr merkwürdig ist, da sie oft
die einzigen Kranken innerhalb mehrerer Quadratkilometer sind. Das hängt
wohl mit ihrem zwanghaften Pech zusammen. In der Vergangenheit versuchten
etliche dieser armen Füchse ihr Leben zu beenden. Sie probierten, sich mit
Steinen die Köpfe einzuschlagen, sich in Bächen zu ertränken
oder von hohen Bäumen zu springen. Doch immer wieder wurden sie von
Greenpeace-Leuten “gerettet”. Sie wurden aus dem Wasser gezerrt,
ihr Sturz wurde aufgefangen oder ihnen wurden die Steine geklaut. Doch mit dem
Fortschritt der Technik entdeckten die Füchse ein Neues: das Auto! So kommen
sie hervor und werfen sich vor die Wagen. Viele müssen sich erst Mut
antrinken. Um an den Alkohol zu kommen, müssen sie Dorfläden überfallen.
Aber dann werfen sie sich nach einem Saufnachmittag vor die Autos. Ihr einziges
Problem sind jetzt noch die Tempo-30-Zonen. Auf ihnen können einige
Autofahrer noch ausweichen und knallen selbst gegen die Bäume. So, meine
Damen und Herren, nun wissen Sie, warum Füchse Selbstmord begehen. Ich
hoffe, dass wir eine Therapie entwickeln können, um den Füchsen zu
helfen. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Anna Hohle (Ehemalige Schülerin) DER NARR DENKT Der Narr
sitzt auf dem Thron und denkt nach. Er sieht seine gefalteten Hände und muß
an die braunen Blätter denken, die damals im Herbst von den Bäumen
fielen. Er hielt dann inne bei seiner Arbeit, schaute auf die kalten Äste
und fühlte sich müde bei dem Gedanken, daß die Welt bald ein
halbes Jahr schlafen würde. Die Hügel lagen weit hinter den Mauern
des Schloßgartens. Ein Blatt verfing sich in der Fontäne des
Brunnens und tanzte für einige Sekunden den letzten Tanz des Jahres. Draußen
gehen die Jahreszeiten vorüber. Der König ist tot. Auf dem
Fensterbrett sitzt die erste Lerche des Jahres. Der Garten ist kein Garten
mehr, die Mauern sind fort, und die Hügel liegen näher als
irgendwann. Der Narr sitzt auf dem Thron und denkt nach KATJA SIEBENHÜHNER Es ist
einer dieser unglaublich heißen Sommertage. Katja und Ben sowie ihre
anderen zwanzig Mitschüler sitzen schweißgebadet in ihrem
Klassenzimmer des Goethe-Gymnasiums, einem Internat im Brandenburgischen, und
lauschen mehr oder minder interessiert den Worten ihrer Geschichtslehrerin Frau
Plauder. Max, Jan, Lukas, Charlotte, Emma, Katja und Ben, die alle die neunte
Klasse hier besuchen, haben sich während dieser Unterrichtsstunde per
Handzeichen bereits darüber verständigt - und dies auch beschlossen
-, nach dem Ende des Unterrichts ins Schwimmbad, welches sich ca. zehn Minuten
vom Internat entfernt befindet, zu gehen, um dort den Nachmittag zu verbringen.
Katja und Ben werden nachkommen, wenn sie ihren Job im Tierheim erledigt haben,
wo die beiden seit einigen Monaten freiweillig am Nachmittag arbeiten, da sie
gern mit Tieren zusammen sind. Als Katja
und Ben nun ihre Fahrräder am Zaun, der das Schwimmbad von der
Straße trennt, anschließen, haben die anderen sie bereits gesehen.
Im Stillen bewundern sie - wie schon des öfteren – Ben, der mit
seinem dunkelblonden, kurzen, gegelten Haar, den meerblauen,
mandelförmigen Augen - die sie in diesem Moment natürlich nicht
sehen, aber sich dafür nur allzu gut vorstellen können -, den
schmalen Lippen und der geraden Nase einfach super aussieht. Wahrscheinlich
sind Ben und Katja schon seit langem so gut befreundet, weil sie viele ihrer Interessen und Hobbys
gemeinsam haben: Beide spielen sie leidenschaftlich gerne Schlagzeug und
mögen Tiere sehr gerne. Zu Hause hat er eine Riesenschnauzerhündin
und sie einen Boxer. Leider sehen sie die Tiere nur in den Ferien, da sie sie
ins Internat natürlich nicht mitnehmen dürfen. Nun gehen
die beiden quer durchs Gelände des Freibades auf die Liegewiese zu ihren
Freunden und stürzen sich mit diesen gemeinsam - natürlich erst,
nachdem sie sich aller Sachen entledigt haben und nur noch Badesachen tragen -
voller Vergnügen ins kühle Nass. Zwei
Stunden später muss Katja wieder zurück, da sie an diesem
Mittwochnachmittag Schlagzeugunterricht hat. Davor besprechen die sieben
Freunde jedoch noch gemeinsam, wann sie heute mit ihrer Band proben
können. Vor einem Jahr hatten sie eine Band gegründet. Nachdem sie
festgestellt hatten, dass jeder von ihnen ein Instrument spielen kann, war
ihnen die Idee gekommen, daraus eine gemeinsame Sache zu machen. Dennoch haben
sie sich noch immer nicht auf einen Namen einigen können. Sie verabreden
sich nun für 16.00 Uhr und beschließen alle, bis auf Katja, noch
eine Weile im Schwimmbad zu bleiben. Während
Lukas, Max und Jan, Charlotte, Emma und Ben sich noch im Wasser vergnügen,
sitzt Katja schon unkonzentriert am Schlagzeug und denkt daran, dass sie
vielleicht bald nicht mehr in der Band mitspielen kann, weil sie wahrscheinlich
nicht mehr Schlagzeug spielen darf. Katjas Eltern finden einerseits dieses
Instrument für ein Mädchen unmöglich und sind außerdem
auch gegen die Band, weil sie eine ganz andere Vorstellung von den
Freizeitbeschäftigungen ihrer Tochter hegen, nämlich in erster Linie
Sport zu treiben. Beide Eltern sind fast ausschließlich am Sport
interessiert: Neben ihrer Arbeit als Sportlehrer auf einem Gymnasium treiben
sie auch in ihrer Freizeit aktiv und bis zum “Abwinken” nichts als
Sport. Außerdem gefällt ihnen der Freundeskreis von Katja nicht. Da Musik
aber Katjas Leben ist, hat sie sich heimlich diesen Unterricht organisiert und
bezahlt ihn von ihrem Taschengeld. Was den Freundeskreis angeht, findet sie es
einfach nur gemein, denn ihre Eltern beurteilen die Jugendlichen nur nach deren
Eltern bzw. deren Status. Da jedoch die Eltern von Lukas, Max, Jan, Charlotte
und Emma im Gegensatz zu Katjas Eltern nicht besonders wohlhabend sind,
bezeichnen sie diese wiederum als schlechten bzw. unpassenden Umgang für
Katja. Sie wünscht sich oft, dass ihre Eltern besser weniger Geld
hätten und sich mehr mit den Angelegenheiten ihrer Tochter
beschäftigen würden. Diese Gedanken gehen ihr - wie schon so oft -
auch heute durch den Kopf. Auch ihre Schlagzeuglehrerin weiß um diese
Probleme, und Katja tut ihr Leid. Daher nimmt sie ihr heute auch nicht
übel, dass sie nicht so konzentriert wie sonst arbeitet. Um
fünf nach vier trudeln noch Jan und Emma ein. Max und Charlotte an den
beiden Saxophonen beginnen schon mit Hilfe von Lukas am Klavier ihre
Instrumente zu stimmen. Ben, der heute am Schlagzeug sitzt, spielt sich ein,
während Katja mehr aus Spaß als im Ernst noch ein paar Tonleitern
vor sich hin trällert und einige “Mi-mi-mis” und
“Mo-mo-mos” in den Raum haucht. Jan sitzt über seiner
Bassgitarre - kurz Bass -, und Emma spielt auf der E-Gitarre. Als alle
Instrumente gestimmt sind, fangen die sieben zum Warmwerden mit dem Song an,
den sie als erstes komponiert haben: “Only you”, eine langsame
Ballade. Ben hat am Schlagzeug zu Anfang nicht viel zu tun und schaut Katja an,
die mit ihrer weichen und tiefen Stimme ins Mikro singt. Er muss an ihre erste
gemeinsame Begegnung denken; natürlich – wo denn auch sonst –
in einem Musikhaus, in dem eine Unmenge von Schlagzeugen ausgestellt waren. Sie
sprach damals gerade mit einem Verkäufer, als Ben an ihr vorbeiging. Er
war schwer beeindruckt, wie stur sie mit diesem Mann fachsimpelte, ob die Toms
nun mit Remo-Fellen bespannt waren oder mit anderen. Wie sich dann
herausstellte, hatte Katja recht gehabt, und als sie sich dann für die
gleiche Hi-Hat wie Ben interessierte, kamen sie miteinander ins Gespräch.
Inzwischen kennen sie sich nun schon seit drei Jahren. Schon
nach kurzer Zeit hatte Ben gemerkt, dass sie nicht wie andere Mädchen war.
Nicht, dass sie mit dem braungelockten Haar, den strahlend blauen Augen, den
vollen Lippen und der Nase mit dem etwas adlerförmigen Ansatz nicht gut
aussieht; ganz im Gegenteil. Aber der Unterschied zu anderen Mädchen ist,
dass sie sich nicht viel daraus macht. Andere Themen interessieren sie viel
mehr. Zu ihren größten Hobbys gehören neben Schlagzeug spielen
auch Singen, Reiten, Lesen und Musik hören. Durch das
Solo von Jan wird Ben aus seinen Gedanken gerissen, denn danach hat er ein
ziemlich kompliziertes Stück dieses Titels zu übernehmen, welches
seine volle Aufmerksamkeit beansprucht. Am Abend,
als Katja sich gerade in ein neues Buch vertiefen will und sich dazu auf die
Terrasse des Internats in die kühle Abendluft zurückzieht, erreicht
sie ein Anruf von zu Hause. Nach kurzem Hin und Her über anstehende
Klassenarbeiten, die nächsten Ferien usw. kommt die Mutter doch bald auf
ihr “gemeinsames Lieblingsthema” - die Band - zu sprechen. Nachdem
sie erneut wieder nur über die Musik und ihre Freunde herzieht, reicht es
Katja nun endgültig. Voller Wut, aber doch in erzwungen gelassenem Ton der
Mutter gegenüber, spricht sie ihr Empfinden von Überheblichkeit und
Ungerechtigkeit unverhohlen an. Und noch bevor ihre Mutter darauf etwas
erwidern kann, legt sie schnell den Hörer auf. Innerlich zittert sie vor
Aufregung und kann sich nur langsam wieder beruhigen. Die Lust auf eine einsame
Lesestunde ist ihr gründlich vergangen, sie wendet sich um und schleicht
traurig auf ihr Zimmer. Am
nächsten Tag hat die Klasse 9c in der fünften Stunde Musik bei Herrn
Pauk. Eigentlich müsste der Musikunterricht - zumindest für die Bandmitglieder
- das Highlight des Tages sein, aber da der Lehrer ein Theoriefanatiker zu sein
scheint, bei dem es immer und immer nur um Dinge wie Biographien berühmter
Musiker vergangener Jahrhunderte, Notenlehre oder Ähnliches geht, macht
der Unterricht nur selten Freude. Auch das Wetter ist inzwischen nicht mehr
ausreichend gut, um noch auf „Hitzefrei“ hoffen zu können.
Zwar sind es immer noch 26 Grad, aber das ist zu wenig, um Direktor Obermeyer
davon zu überzeugen, dass auch bei „nur“ 26 Grad die geistige
Tätigkeit spätestens im Matheunterricht der dritten Stunde erheblich
nachlassen muss. Also
gehen Katja und Ben heute erst nach der siebenten Stunde ins Tierheim. Da sie
an diesem Tag nicht viel anderes mehr zu erledigen haben, d.h. auch
ausnahmsweise von Hausaufgaben frei sind, wollen sie bis zum Abend dort
bleiben. Während sie mit zwei Hunden spazieren gehen, ist ihr
Hauptgesprächsthema der Anruf einer Frau Gute, die am vergangenen Abend
mit Jan telefoniert hatte. Sie sagte, sie sei bei der letzten Schulveranstaltung,
bei der Max, Lukas, Jan, Charlotte, Emma, Katja und Ben aufgetreten waren, im
Publikum gewesen. Die Stücke der Band hätten ihr sehr gefallen. Sie selbst sei Inhaberin
einer Bar namens „Select“ und immer auf der Suche nach einer
Musikgruppe, die dort einmal auftreten würde. Sie hätte über den
Schulleiter die Telefonnummer von Jan erfahren. Dies alles hatte ihnen dieser
voller Begeisterung am Vormittag berichtet. Natürlich waren die sieben
Feuer und Flamme, denn außer bei Schulauftritten hatten sie bisher noch
nicht die Gelegenheit gehabt, in öffentlichen Einrichtungen aufzutreten. Als sie
wieder im Tierheim angekommen sind und ihre Schützlinge in die Zwinger
gebracht haben, geht es im fließenden Übergang zur
Abendfütterung. Ben merkt, dass Katja schon seit geraumer Zeit sehr
schweigsam ist. Das Telephonat vom Vorabend beschäftigt sie. Es belastet
sie, dass ihre Eltern ihre Freunde und Hobbys nicht akzeptieren. Doch von
diesen Problemen ahnt Ben nichts, und als er sie nach ihrem Bedrücktsein
fragt, schüttelt sie nur stumm den Kopf. Später
am Abend jedoch, als die beiden, wieder im Internat zurück sind, auf der
Terrasse sitzen - da es noch ziemlich warm ist und jeder von ihnen noch ein
wenig lesen möchte -, bricht der Kummer aus Katja nun doch heraus. Die
beiden sitzen noch lange in ein Gespräch vertieft dort. Am
nächsten Morgen sind Jan, Max, Lukas und die anderen ziemlich aufgeregt,
denn heute Abend soll der Auftritt im „Select“ stattfinden. Da sie
heute sieben Stunden hätten, hat Herr Obermeyer ihnen die letzten drei
Stunden sogar frei gegeben und ihnen viel Glück gewünscht. Als sie
also in der vierten und für sie letzten Stunde in Mathe bei Herrn Ziffer
sitzen und heute noch heftiger als sonst deren Ende herbeisehnen, geht jeder
von ihnen in Gedanken den Ablauf des Abends durch. Wenn diese Mathestunde
endlich ein Ende hat, wollen sie noch einmal eine Generalprobe
durchführen, um sicher zu gehen, dass am Abend alles läuft. Im
Anschluss daran beschließen sie, ihre Aufregung durch einen Schwimmbadbesuch
für ein kleines Stündchen ein wenig abzukühlen. Es ist auch
bestimmt nicht schlecht, das Schwimmbad um eine solche Zeit einmal fast ganz
für sich zu haben. Nur Herr Obermeyer sollte davon vielleicht nicht
unbedingt etwas erfahren, denn er hatte höchstwahrscheinlich erwartet,
dass sie sich unentwegt mit ihren Instrumenten beschäftigen würden,
aber das, finden sie, ist, auch wenn es um die Ehre der Schule geht, etwas viel
verlangt. Als sie
die Probe beendet haben, machen sie sich mit ihren Fahrrädern auf den Weg
ins Schwimmbad. Außer ein paar kleinen Kindern mit ihren Eltern ist das
Bad fast menschenleer. Nach kurzem Verschnaufen stürzen sich Emma,
Charlotte und Ben vom Beckenrand ins Wasser; Max, Lukas, Jan und Katja springen
vom Fünfmeter-Brett ins Nasse. Nach
etlichem gegenseitigen Hineinschubsen, Untertauchen und sonstigem Blödsinn
machen sich die Freunde erfrischt und voller guter Laune wieder auf den Weg ins
Internat. Doch was sie hier erwartet, vertreibt die Sonnenlaune schlagartig.
Frau und Herr Siebenhühner stehen am Eingangstor. Tochter Katja versucht
ganz ruhig zu bleiben, denn sie ahnt bereits, dass ihre Eltern nicht von
ungefähr plötzlich hier erscheinen. Sie gehen, ohne die Freunde ihrer
Tochter auch nur eines Blickes zu würdigen, geschweige denn ihren
Gruß zu erwidern, auf Katja zu. Der Vater
ergreift als erster das Wort: „Du wirst heute abend nicht dabei sein! Wir
sagen dir jetzt und hier zum letzten Mal, dass uns das Ganze nicht
gefällt. Du hast bisher nie auf unsere Meinung gehört, nun jedoch,
wenn du mit einem solchen Unfug sogar in die Öffentlichkeit gehen willst,
verbieten wir es dir ausdrücklich. Unsere Tochter wird sich nicht mit
einer Band am Abend in Bars herumtreiben! Wenn dieses Schulhalbjahr beendet
ist, wirst du im übrigen die Schule wechseln und dann ein Sportinternat
besuchen.“ Nun schaltet ihre Mutter sich ein: „Außerdem
befindet sich dieses Sportinternat in Schleswig Holstein.“ Katja starrt
die beiden völlig fassungslos an und kann es nicht glauben, was sie da
eben von ihren Eltern gehört hat. Dann jedoch lässt sie die beiden
ohne ein Wort einfach stehen und geht. Als sie
und ihre Freunde außer Sichtweite der Eltern sind, kommen ihr fast die
Tränen. Sie kann nicht glauben, dass ihre Eltern das ernst meinen. Voller
Mitleid schauen die anderen auf Katja. Vorsichtig fragt Ben, ob sie heute Abend
in einer solchen Verfassung nun überhaupt noch mitspielen kann. Katja ist
so geladen, dass sie ihm einen zornfunkelnden Blick zuwirft und mit bebender
Stimmte antwortet: „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mir diesen
Auftritt von meinen Eltern vermiesen lasse.“ Bewundernd guckt Ben Katja
an; er überlegt, wie sie mit all ihren Problemen eigentlich klar kommt und
trotzdem immer noch zielstrebig ihren Weg verfolgt. Plötzlich wirft Katja
Ben einen Blick zu, den er nur allzu gut kennt. ‘Sie hat etwas
vor’, schießt es ihm durch den Kopf. Als die anderen sich für
den Aufritt fertig machen, geht Ben zu Katja aufs Zimmer, um nochmals in Ruhe
mit ihr zu sprechen. „In
ein paar Minuten werden wir hier vor all den Leuten spielen“, sagt Jan,
während er mit halb gespieltem, halb ernstem Entsetzen beobachtet, wie
sich die Bar immer mehr füllt. Katja und Max schleppen noch die letzten
Trommeln und die Verstärker, welche sie vorhin zusammen mit Frau Gute in
ihren kleinen VW-Bus geladen hatten, auf die Bühne, die sich in der Mitte
der Bar befindet. Die Bar ist gemütlich eingerichtet. Viele Fenster
erhellen den Raum, deswegen stören auch die dunkel gestrichenen Wände
nicht. Eine riesige Theke mit gepolsterten Barhockern sowie viele kleine
Tischchen schaffen diese angenehme Atmosphäre. Nunmehr sind die sieben
dabei, ihre Instrumente zu stimmen. Inzwischen sind alle Plätze besetzt.
Jan spricht noch kurz mit der Inhaberin der Bar, die anderen besprechen nochmals
die Reihenfolge der Titel. Am Anfang ein rockiges, schnelles Stück, mit
dem sie dem Publikum „einheizen“ wollen. Ben singt und Katja sitzt
am Schlagzeug. Sie mag es sonst immer sehr, hinter diesem Instrument zu sitzen
und mit anzusehen, wie viele Leute sie als Mädchen an einem solchen
Instrument mit skeptischen Blicken bedenken. Heute allerdings gehen ihr eher
andere Gedanken durch den Kopf. Doch darüber kann sie jetzt nicht mehr
länger nachdenken, denn sie muss nun den Einsatz geben, auf den hin Charlotte
mit ihrer E-Gitarre einsetzt. Nachdem Ben zu singen beginnt, ist das Publikum
endgültig begeistert. Nach einer Stunde voller „action“
bemerkt Katja, während sie glücklich lächelt, dass sie für
diese kurze Stunde von ihren Problemen abschalten konnte. Frau Gute lädt
alle danach noch auf eine Cola ein und sie sitzen, glücklich über
ihren Erfolg, beisammen. Nur Ben und Katja fehlen. Am
Nachmittag des nächsten Tages kommen Katjas Eltern abermals in die Schule.
Herr Obermeyer hatte sie benachrichtigt. Katja ist seit dem Abend nach dem
Konzert nicht mehr ins Internat zurückgekehrt. Als die Eltern zu Ben
gehen, um ihn nach Katja zu fragen, kann auch dieser ihnen anscheinend keine
Auskunft geben. Aufgeregt machen sie sich Luft und drohen auch Herrn Obermeyer,
er hätte dieses Konzert niemals zulassen dürfen. Doch zunehmend
merken Katjas Eltern, dass es nun nicht mehr darauf ankommt, wer Schuld hat und
wer nicht; jetzt geht es
ausschließlich darum, dass ihre Tochter wieder auftaucht. In den nächsten qualvollen Stunden
unterhalten sich die Eltern sehr viel mit den Freunden von Katja. Sie merken,
wie viel diese auch ihnen bedeutet und erfahren sehr viel mehr über ihre
Tochter, als sie wussten. Die beiden bitten Max, Jan, Lukas, Emma und
Charlotte, ihnen auch von der Band und den musikalischen Fähigkeiten ihrer
Tochter zu erzählen. Am Abend des zweiten Tages wissen Katjas Eltern
endgültig, dass sie die Freunde die Hobbys ihrer Tochter grundlegend
falsch beurteilt haben. Katja
sitzt währenddessen in einem baufälligen und alten Schuppen, in den
nur sehr wenig Licht dringt. Sie versucht ein wenig zu schlafen, und durch das
einschläfernde Rauschen des Sees, der sich ganz in der Nähe des
Schuppens befinden muss, träumt sie schon bald von dem Auftritt von vor
drei Tagen, Doch sie wird durch das plötzliche Aufreißen der
Schuppentür unsanft aus den Träumen des letzten schönen
Erlebnisses gerissen. Zur
gleichen Zeit sitzen Vater und Mutter Siebenhühner, ohne zu ahnen, wo
Katja sein könnte, nach einem langen Telephonat mit der Polizei, die immer
noch nichts über den Verbleib ihrer Tochter herausgefunden hat, im Zimmer
von Emma und Charlotte. Max, Lukas, Jan, Emma und Charlotte haben nämlich
beschlossen, ihnen eine Videokassette, auf der Frau Gute den Auftritt aufgezeichnet
hatte, vorzuspielen. Ben ist schon wieder nicht da. Die Fünf haben ihn
gesucht, aber nirgends ausfindig machen können. Doch alle wissen, dass
Katja ihm viel mehr bedeutet, als er oft zugibt. Sie denken, dass er vielleicht
alleine sein will und entweder zum
See, der ein ganzes Stück weit entfernt liegt, gelaufen ist oder mit einem
der Pferde vom Reiterhof, der auch etwas abseits vom Internat liegt, ausreitet. Nachdem
die Eltern Katjas zum Direktor gegangen sind, begeben sich die Fünf auf
den Weg ins Tierheim, da sie Ben dort vermuten. Während sie in ein
Gespräch über die Eltern der verschwundenen Freundin vertieft sind,
sehen sie an den Bäumen, die hier dicht an dicht stehen, eine Gestalt
entlangschleichen. Nach einem kurzen Blickwechsel untereinander sind sie sich
einig, dass es Ben ist. Doch dann ist dieser auch schon wieder aus ihrem
Blickfeld verschwunden. Nachdem
sie sich bei dem Personal im Tierheim erkundigt und herausgefunden haben, dass
Ben nur heute Vormittag im Tierheim gearbeitet hat, treten sie den Heimweg an.
Im Internat angekommen sehen sie Ben mit einem Buch auf der Terrasse sitzen. Er
schaut von „Der Fänger im Roggen“ auf und fragt, wo sie denn
gewesen seien. Er habe sie bereits überall gesucht. Jan stellt eine
Gegenfrage, die klären soll, ob er die Wahrheit sagt: „Wie lange
sitzt du denn schon hier und liest?“ Fast zu schnell kommt Bens Antwort:
„Schon seit geraumer Zeit ... eine Stunde ungefähr.“ Nach
einem kurzen, vergewissernden Blick setzt Lukas an, um ihm zu sagen, dass sie
ihn gesehen haben und jetzt endlich wissen wollen, was los ist. Doch in diesem
Moment kommt Herr Obermeyer auf die Terrasse. „Ich habe hier die heutige
Ausgabe vom ‘Tagesspiegel’. Herr und Frau Siebenhühner haben
einen Aufruf gestartet, auch schon im Fernsehen. Ich dachte, das würde
euch interessieren, aber von eurem Kummer und eurer Angst ablenken kann ich
euch leider auch nicht.“ Am
nächsten Morgen wacht Katja erst spät auf, und als sie sich streckt,
sieht sie, dass auf dem Boden neben der Tür eine Zeitung von gestern liegt:
‘Der Tagespiegel’. Indem sie so viel Licht wie möglich durch
die Ritzen der Tür erhascht, blättert sie voller Freude, endlich mal
wieder etwas lesen zu können, in die Zeitung. Ihr Blick fällt auf der
‘Brandenburg-Seite’ auf ein Interview mit ihren Eltern. Sie zieht
scharf die Luft ein. Dass es soweit geht, hatte sie nicht einkalkuliert. Doch
als sie sich in den Artikel vertieft, kann sie kaum glauben, was sie liest: Hiermit
wollen wir inständig alle Leute bitten, sich unbedingt bei uns zu melden,
wenn sie denken unsere Tochter irgendwo gesehen zu haben. Sie ist seit
Dienstagabend gegen 22.00 Uhr aus dem „Select“ verschwunden. (Dann
die Beschreibung von Katja und Anmerkungen der Redaktion bezüglich der
Adresse, bevor es weitergeht) Wir haben
leider viel zu spät gemerkt, wie viele Fehler wir gemacht haben. Doch
jetzt ist uns dies in langen Gesprächen mit ihren Freunden bewusst
geworden. Wir haben viele Dinge, die ihr wichtig waren, sehr falsch
eingeschätzt, und wissen inzwischen, dass es ungerecht war. Hätten
wir unsere Katja jetzt wieder. würden wir alles ganz anders machen. Wir
haben eine wunderbare Tochter und sehnen uns sehr nach ihr, wie auch alle ihre
Freunde. „Die
Polizei hat vorhin angerufen, sie werden nochmals die Umgebung des Internats
absuchen!“ Herr Obermeyer befindet sich im Zimmer von Lukas, in dem sich
außer diesem und dem Direktor noch Emma, Charlotte, Max, Jan und
ausnahmsweise auch mal Ben befinden. Dieser wird nach diesem Satz kreidebleich
im Gesicht. Der Direktor bemerkt es und fragt, was denn los sei. „Nichts
Besonderes, mir ist nur ein bisschen übel, vielleicht sollte ich mich ein
wenig hinlegen.“ Mit diesen Worten verschwindet er aus dem Zimmer. Eine
Weile reden die Jugendlichen noch mit Herrn Obermeyer und beschließen
dann, Katjas Eltern aufzusuchen, welche sich ein Zimmer im Ort genommen haben.
Mit den Fahrrädern machen sie sich auf den Weg. Der
Schuppen, in dem sich Katja drei Tage lang aufgehalten hat, ist leer. Die
Tür quietscht und fällt ins Schloss. Es klingt endgültig. Als die
Fünf bei den Siebenhühners angekommen sind, werden sie herzlich
empfangen. Im Fernseher, den man im Innern des Zimmers hört, läuft
gerade eine Suchaktion für vermisste Kinder. Auch Katjas Fall wird
ausführlich besprochen. Ein Photo, besondere Merkmale, ihre Kleidung sowie
der Tag ihres Verschwindens werden behandelt. „Hoffentlich melden sich
Leute!“ Mehr bringt Lukas im Moment nicht heraus. Alle starren wie
gebannt auf das Fernsehgerät. „Polizeipräsidium
Brandenburg, Suchmaschine am Apparat“ „Äh Guten Tag Herr ...
äh ... mmh ... Suchmaschine?“ „Ja, was kann ich für Sie
tun?“ Kurt mein Name, Alexander Kurt. Ich habe den Aufruf für
vermisste Kinder im Fernsehen gesehen. Als ich mit meinem Hund spazieren ging,
hielten zwei Jugendliche, ein Junge und ein Mädchen mit einem Moped neben
mir und erkundigten sich, wo man hier etwas zu Essen bekommen könne. Ich
beschrieb ihnen den Weg, und als sie wegfuhren fiel mir auf, dass das
Mädchen aussah wie die Katja. Von ihr wurde doch heute ein Bild im
Fernsehen gezeigt, und dieses Mädchen auf dem Moped sah aus wie
sie!“ „Aha, und wie sah der Junge aus?“ „Naja, ich
konnte ihn nicht so gut erkennen, da er eine Sonnenbrille und ein Basecap trug.
Aber er war schlank und athletisch und hatte schmale Lippen. Er war vielleicht
so um die 14 Jahre alt, denke ich.“ Wo wohnen Sie denn, Herr Kurt? Und
wohin sind die beiden gefahren?““Ich wohne in Beelitz. Die beiden
sind in Richtung Teltow gefahren; ich denke, sie wollten nach Berlin
rein.“ „Aha! Also, vielen Dank für ihren Hinweis und ... ach
noch was, welche Farbe hatte denn das Moped, und konnten sie das Kennzeichen
sehen?“ „Es war ein hellblaues Moped. Das Kennzeichen konnte ich
nicht ganz erkennen, aber es war aus Potsdam Mittelmark.“ „Gut, also vielen Dank für
Ihre Hilfe, und wenn Sie noch etwas erinnern, rufen Sie doch bitte sofort
wieder an! „„Gut, mache ich! Auf Wiederhören.“ Die
grüne Landschaft saust an Katja vorbei. Doch das Grün wird
kärglicher, je weiter sie in die Innenstadt gelangen. Der Junge fährt
ziemlich schnell. Nach ein paar Minuten hält er an einem Café. Das
Wetter ist gut, doch da es noch früh am Tag ist, sind nicht viele Leute
unterwegs. Das ist auch gut so, denn immerhin waren auch schon Bilder von Katja
in Fernsehen und Zeitung. „Katja,
wir müssen zurück! Es ist genug! Du hast erreicht, was du wolltest!
Deine Eltern sind krank vor Sorge!“ Schnell spricht Katjas Begleiter auf
sie ein. “Meinst du wirklich?“ „Mensch, das konntest du doch
an dem Artikel sehen! Oder hast du ihn nicht Wort für Wort gelesen?“
„Okay, du hast recht!“ Sie fragt ihn nach seinem Handy und ruft Jan
an. „Jan, komm...“, doch dieser unterbricht sie mit einem lauten
Aufschrei „KAAATJA!“ „He, bitte etwas leiser! Ja, ich
bin´s! Komm doch bitte mit den anderen, also ich meine mit Max, Emma,
Lukas und Charlotte ins ‘Café Einstein’ unter den Linden!
Das ist...“, weiter kommt sie nicht. „Ist schon okay, ich
weiß, wo das ist! Ich leih mir schnell drei Mopeds von Franz!“
„Franz?“ Ja, das ist der vom Mopedverleih, er gibt sie mir
bestimmt!“ „Ach so ja, also bis bald!“ Eine
Stunde später kommen Lukas, Jan, Max, Emma und Charlotte auf drei Mopeds
angeknattert. Ungläubig rennen sie auf Katja zu und umarmen sie.
„Was machst du denn hier?“, fragt Charlotte und spricht damit aus,
was sich alle anderen auch fragen. Als sie Ben entdecken, der gerade auf sie
zukommt, sind sie vollkommen erstaunt, und ohne es zu wollen, wiederholt Jan
Charlottes Frage: „Was machst du denn hier?“ Katja und Ben
beschließen, dass sie ihnen alles erzählen sollten, und fangen an
dem Abend an, an dem sie beschlossen hatten, dass sie eine Entführung
vortäuschen wollen. Ben hatte
Katja in den Schuppen auf dem Grundstück des Ferienhauses seiner Eltern
gebracht und war jeden Tag zu ihr gegangen, um sie mit Lebensmitteln und den
neuesten Nachrichten zu versorgen. Doch als er sagte, sie sollten jetzt langsam
aufhören, wollte Katja nicht und meinte, es wäre noch nicht lange
genug. Er hatte ihr den Zeitungsartikel mitgebracht, doch auch der hatte sie
letztendlich noch nicht ganz umstimmen können. Ben hatte sie nochmals
gebeten, darüber nachzudenken, und heute hat sie im Café dann
endlich doch zugestimmt. Nun erzählt Jan, dass sie ihn gestern zum
Internat hatten schleichen sehen, sie es ihm hatten sagen wollen, doch in
diesem Moment war Herr Obermeyer gekommen. Nachdem
sie bestimmt noch eine Stunde geredet haben, fahren alle, Katja eingeschlossen,
zurück ins Internat. Als sie dieses betreten, kommt ihnen Herr Obermeyer
entgegen. In dem Moment, in dem er Katja sieht, bleibt er für eine Sekunde
lang ruckartig stehen, läuft dann, nach diesem Augenblick der Starre, auf
sie zu und nimmt sie einfach in die Arme. Danach sagt er, er müsse jetzt,
bevor sie irgend etwas anderes machen können, erst mal sofort die Eltern
Katjas benachrichtigen. Zehn
Minuten nach dem Telephonat kommt der Augenblick, vor dem Katja sich am meisten
gefürchtet hat. Ihre Eltern kommen quer durch die Eingangshalle auf sie zu
gerannt, und mit einem kleinen Aufschrei drückt zuerst die Mutter ihre
Tochter an sich. Nachdem die „Zeremonie“ des Wiedersehens beendet
ist, kommt es nun zu dem schwierigsten Teil. Katja und Ben müssen den
Eltern erzählen, dass sie ihnen die vier wahrscheinlich schlimmsten Tage
ihres Lebens zu verdanken haben. Ben
fängt an zu erzählen, und Katja unterstützt ihn tatkräftig.
Als sie am Ende der Geschichte angekommen sind, gucken die Eltern sowie Herr
Obermeyer sie fassungslos an. Die Mutter fasst sich am schnellsten und fragt
dann: „Warum?“ Katja erzählt ihr und ihrem Vater nun ganz
alleine, da sie jetzt keiner mehr unterstützen kann, von dem Kummer, dass
sie nie Verständnis für ihre Hobbys, ihre Freunde und eigentlich
für fast alle Dinge, die ihr Spaß machen und wichtig sind, gezeigt
haben. Als sie geendet hat, glaubt Ben zu sehen, dass ihren Eltern Tränen
in den Augen stehen. Als ihre Mutter sie abermals umarmt und sagt, dass sie
inzwischen wissen, wie viele Fehler sie gemacht haben, stimmt ihr Vater zu und
teilt ihr ihren Entschluss mit, ihr Schlagzeugunterricht zu organisieren.
Außerdem haben sie beschlossen, natürlich nur - wenn sie und ihre
Freunde es so wollen -, in den Sommerferien, die in einer Woche beginnen, ihre
sechs Freunde samt den Instrumenten mit in das Ferienhaus, das die
Größe einer Villa hat, in der alle Platz haben, am Meer einzuladen.
Sie war doch sonst immer so traurig in den langen Ferien, da sie ohne Freunde
so allein war. Die Sieben schauen sich begeistert an und knuffen sich vor
Freude und in Anbetracht dieses phänomenalen Vorschlages. Hatten sie doch,
trotz aller Vorfreude auf die lang ersehnten Ferien, alle schon ein wenig
Abschiedsschmerz, wenn sie an die langen sechs Wochen ohne einander dachten. Als Katja
nun noch ihren Eltern gesteht, dass sie sich schon vor längerer Zeit
selber Schlagzeugunterricht organisiert und natürlich auch selber
erarbeitet hat, stutzen ihre Eltern nochmals: so sehr hatten sie die
Ernsthaftigkeit ihrer Tochter unterschätzt. Dann aber fangen alle an
durcheinander zu reden ... Viel zu sehr sind sie vertieft in ihre Planung
für dieses wunderbare Ferienangebot, als dass sie merken könnten, wie
sich erschöpft, aber auch sehr erlöst und glücklich die
Siebenhühners entfernen und gemeinsam mit dem Direktor über die
Terrasse zu seinem Zimmer gehen, um sich nochmals bei ihm zu entschuldigen und
für sein Verständnis seinen Schülern gegenüber zu bedanken. Als Katja unauffällig zu Ben schaut, erwidert dieser nachdenklich ihren Blick. Plötzlich zeigt er dieses vereinnahmende, absolut liebe und überzeugende Lächeln, welches sie so sehr an ihm mag In diesem Moment weiß Katja alles, was sie wissen will und der ‘Halleluja´ Chor der ‘Triumphmarsch’, und die `Kanonen der Ouvertüre von 1812’ erschallen in ihren Ohren. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Klaus Loscher (Lehrer) Gemeint sind: Die Gebrüder Grimm |
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