literamos  13/03

Literaturblatt der Menzel-Oberschule Berlin-Mitte


Bruno Derksen (ehemaliger Schüler)

Die Rechte an den Texten liegen bei den Autorinnen und Autoren.
 1.     Klaus Loscher: Deutsche DichterInnen in Distichen - 10

 2.     Julia Marfutov: MAIABENDS IM CAFÉ

 3.     Julia Marfutov: MIT SCHAUERN

 4.     Julia Marfutov: ANSICHTSSACHE

 5.     Ulrike Bürgel: NARBEN

 6.     Ulrike Bürgel: SCHLÜSSE

 7.     Ulrike Bürgel: ZEIT

 8.     Francis Golz: LEBENSLÄUFE

 9.     Ulrike Bürgel: WENN DU DIE WAHL HÄTTEST ...

10.    Martin Vogt: DIE PERFEKTE WELT

11.    Ulrike Bürgel: STEHEN BLEIBEN

12.    Ulrike Bürgel:EIN ALTES GEMÄUER

13.    Sarra Kebir: FEELGOOD LIES

14.    Sarra Kebir: WOLKEN

15.    Sarra Kebir: NEUE ENERGIE HEIßT NEUE HOFFNUNG

16.    Juliane Neumann: LE PRINTIMPS

17.    Ulrike Bürgel: VERSCHLIEßE DEIN HERZ NICHT

18.    Büke Schwarz: DIE FEINE BERLINER ART

19.    Martin Vogt: DIE STILLE

20.    Martin Vogt: REZEPTE FÜR ZEITREISEN

21.    Julia Marfutov: UNAUFHALTSAM

22.    Julia Marfutov: RÜCKFALL

23.    Martin Vogt: EINE NORMALE GESCHICHTE

24.    Julia Marfutov: NACHT


 
 


Seitenende




 
Klaus Loscher     (Lehrer)


DEUTSCHE DICHTER/INNEN IN DISTICHEN - FOLGE 10

Früh schrieb er nette Balladen, im Alter erst wurde er kritischer
Schilderer seiner Zeit, heute noch sehr geschätzt.

             Wer ist gemeint?          Lösung!



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Julia Marfutov     (10b)



MAIABENDS IM CAFÉ


Inmitten von Stimmen in wärmender Sonne
Umwehten Kaffeedüfte Liebende mit Wonne.
Les pairs ont adoré l’amour en mai, le soir
Im Gartencafé, wie gemalt von Renoir*.

So lang ist’s noch nicht her, dass auch ich rosabebrillt
Hier viele kleine Ewigkeiten mit dir verbrachte,
Deine Lippen berührte, dich umarmte und lachte;
Wir - scheinbar schwerelos, das Leben - Pierre Augustes Bild.

Der Ober kam, ich saß als Einz’ge am Tisch allein.
“Kaffee und Kuchen?” – “Nein, eher Wodka oder Wein!”
Die Sehnsucht schmerzte so, als Liebe aus allen Ecken quoll,
Glücklicher Herzen Geflüster von überall scholl.

* Pierre Auguste Renoir: „La Moulin de la Galette“


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Julia Marfutov     (10b)



MIT SCHAUERN


Der Tod schleicht heran
auf leisen Pfoten
ähnlich einer Katze
auf der Jagd.

Die Katze will die Maus,
der Krebstod dich;
und wie’s aussieht,
kriegen beide
ihr Begehren.


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Julia Marfutov     (10b)



ANSICHTSSACHE


An nasskalt-windigen
Novembertagen
zieh‘ ich mir eine rosa Brille auf
und dieses Grau in Grau
von Regen, Pfützen, Matsch
erscheint mir plötzlich nur banal.


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Ulrike Bürgel     (Kurssystem)



NARBEN


Sichtbare und unsichtbare
Narben
tragen alle Menschen mit sich.
Unsichtbare Narben entstehen durch
Enttäuschungen.
Sichtbare Narben entstehen durch
Operationen und Unfälle.
Doch eines haben beide gemeinsam:
Sie bleiben für immer,
haften an Erinnerungen
und am Leben
eines jeden Menschen.


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Ulrike Bürgel     (Kurssystem)



SCHLÜSSE


Alles zerfallen,
liegt darnieder
wie unzählige Spiegelscherben.
Du –
Bruchstücke.


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Ulrike Bürgel     (Kurssystem)



ZEIT


Zeit für
Mich,
Dich,
Uns,
Euch,
Doch was, wenn die Zeit rennt,
keine Zeit für etwas bleibt,
für jemanden?


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Francis Golz     (Kurssystem)



LEBENSLÄUFE


Glühwürmchen leuchten durch die Nacht
Und während zwei Gestalten
Von einer geheimen Macht getrieben
sie lachend einzufangen versuchen
Fällt ein Blatt vom Baum


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Ulrike Bürgel     (Kurssystem)



WENN DU DIE WAHL HÄTTEST ...


(entstanden beim Netzwerk behinderter Frauen)


Auf was würdest Du verzichten,
wenn Du die Wahl hättest?

Würdest Du lieber blind sein -
Oder doch lieber taub?
Würdest Du lieber stumm sein -
Oder doch lieber im Rollstuhl sitzen?
Würdest Du lieber einarmig sein -
Oder doch lieber verkrüppelte Hände besitzen?
Würdest Du lieber nur ein Bein haben -
Oder doch lieber verkrüppelte Füße?
Würdest Du lieber beinlos sein
Oder doch lieber armlos?


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Martin Vogt     (Kurssystem)



DIE PERFEKTE WELT


Eine perfekte Welt wäre zwar schön und vor allem perfekt, aber im Grunde doch ziemlich langweilig. Deshalb ist eine Welt, die nicht perfekt ist, in Ordnung, aber sie muss einem zumindest so erscheinen, als biete sie einem die Möglichkeit, sie perfekt machen zu können.


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Ulrike Bürgel     (Kurssystem)



STEHEN BLEIBEN


Er blieb stehen. Er blieb einfach so auf diesem riesigen Platz stehen. Er spürte die Reaktion der Menschen. Sie fühlten sich in ihrem Tagesablauf gestört. Er stand ihnen im Weg. Er rührte sich auch dann nicht, als er angerempelt wurde. Er sah sich um und beobachtete. Die Menschen hasteten und hatten kaum einen Blick füreinander übrig. Er sah sie genau an. Er nahm sich die Zeit, die ihm vorher gestohlen worden war. Er sah, wie unterschiedlich die Menschen waren. Sie hasteten und waren Teil einer Masse. Er überlegte. Er versuchte, das Bild in eine Geschichte zu verwandeln. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn er nur einen Menschen herausstellen würde. Sie hasteten weiter wie ein Strom Fische, der von einer unsichtbaren Hand geführt wurde. Er fühlte sich überfordert. Er konnte keinen einzelnen herausstellen, denn hatte er einen, so war dieser gleich wieder weg. Er überlegte, was er nun machen sollte. Sie spannten ihre Regenschirme auf. Er stand. Er sah um sich herum. Er wurde nass und - ging.


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Ulrike Bürgel     (Kurssystem)



EIN ALTES GEMÄUER


An einem alten Gemäuer
ranken Wurzeln wie Adern,
von dicken zweigen - wie Arterien –
viele kleine ab,
umfassen Fenster,
bedecken Mauern.
Sobald es wärmer wird,
werden die Blätter die Wurzeln
wie eine Haut bedecken -
wie rote Haut, grüne Haut;
in den warmen Monaten
wehen leichte Winde hindurch.
So lange,
bis sie Blatt für Blatt mitnehmen.
Und wenn kein Blatt mehr ist, bleibt:
Ein altes Gemäuer –
erobert von den Wurzeln.


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