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Yulia Marfutova |
1. Klaus Loscher: DEUTSCHE DICHTER/INNEN IN DISTICHEN 2. DANKSAGUNG 3. SEHR GERN 4. ENTSCHULDIGEN SIE, IST HEUTE FREITAG? 5. ACH 6. DIE NACHT WIRD ZWISCHEN MIR UND DIR GESPANNT 7. OPTIONEN 8. WO 9. DICHTER I LIEST EINEN TEXT 10. FRAGEN EINER LESENDEN FRAU 11. ZWISCHEN DEN SILBEN 12. DAS WIEGENLIED 13. WIEGENLIED I 14. DER ZENSUR ZUM OPFER GEFALLEN 15. GEDICHTE MIT GOLDRAND. DIE KUNST UND DAS VERGNÜGEN 16. ROBERT GERNHARDT - LIEBÄUGELN MIT DER SPRACHE 17. YULIAS LIEBLINGSWÖRTER |
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Klaus Loscher (Ehemaliger Lehrer) Wer ist gemeint? Lösung! DANKSAGUNG Yulia Marfutova veröffentlichte von 2003, als sie die 9. Klasse der Menzel-Schule besuchte, bis zum Juni 2007, als sie die Schule nach hervorragend bestandenem Abitur verließ, in "literamos" eigene Texte. Sie hat so vier Jahre lang auf sehr hohem Niveau unser Literaturblatt mit gestaltet. In Jahr 2007 war sie eine von 21 Preisträgerinnen und Preisträgern, die die Jury des 22. Bundeswettbewerbs "Treffen Junger Autoren" aus insgesamt 1.592 Einsendungen aus ganz Deutschland ausgewählt hat. Die Preisträgerlesung, an der Yulia teilnahm, fand Ende November in Berlin statt. Um Julias besondere Leistung zu würdigen und um uns bei ihr zu bedanken, widmen wir ihr eine eigene Ausgabe mit Texten, die bisher noch nicht in "literamos", sondern in anderen Publikationen veröffentlicht wurden. Weitere Texte von Yulia können in den Internet-Ausgaben ab "literamos 12" nachgelesen werden. Danke, Yulia! 1. Yulias Texte zum Bundeswettbewerb SEHR GERN sehr gern oh ja und wenn Sie wollen heute verkaufe ich mein fell und zupfe mir drei goldne haare aus dem bart und bücke mich es zwickt ein bisschen nur ich könnte noch wenn Sie wollen sehr sehr gern ENTSCHULDIGEN SIE, IST HEUTE FREITAG? BERLIN. Wedding. Martin-Opitz-Straße 26. Zweiter Stock. Vom Fahrstuhl aus rechts. Von meinem Ohr aus links. Beginn um 18.39 Uhr. Eine Küchenszene: ER: Der Zucker fehlt. SIE: Hier, bitte. ER: Der Kaffee ist kalt. SIE: Weil du zu langsam trinkst. ER: Er war schon kalt, als du ihn mir gebracht hast. SIE: Während du dich beschwerst, wird er noch kälter. ER: Wo ist denn jetzt wieder der Zucker? Ich stelle sie mir vor, Herrn und Frau Yilmaz, wie sie in nur einem knappen halben Meter Entfernung hinter oder vor meiner dünnen Küchenwand sitzen, je nach Blickrichtung. Wahrscheinlich klammert sie sich an ihre Kaffeetasse, er an einen kleinen Fleck auf der Tischdecke. Herr und Frau Yilmaz schauen einander nicht an und wenn sie es doch tun, blinzeln sie ein wenig unter der grellen Nachmittagssonne und versuchen, neben sich den Menschen zu erkennen, den sie vor Jahrzehnten geheiratet haben. Aber sie sehen nur Falten und Runzeln und schlaffe Haut um müde Lider. Dann schauen sie wieder auf Kaffeetasse und Tischdecke oder ein Stückchen weiße Wand. 18.44 Uhr. Ob Robert und ich auch einmal so enden werden?, denke ich und werfe die Spaghetti in den großen Topf. Nicht die Falten erschrecken mich, ich habe mich vor Jahren mit dem Gedanken angefreundet, dass mein Gesicht ein Verfallsdatum hat - es ist die Stille. Ich salze mein Abendessen in spe. Ob die Yilmaz' doch froh sind, ein Gesprächsthema zu haben, sei es auch so banal wie Kaffee? oder sind sie einander unmerklich entrückt, sodass ihnen wirkliche Nähe undenkbar ist, und wenn nicht undenkbar, so doch unmöglich? 18.47 Uhr SIE: Deine Mutter hat heute angerufen. ER: So? SIE: Sie wollte mit dir sprechen. ER: Ja? SIE: Sie sagte, sie würde später noch einmal anrufen. 18.49 Uhr Frau Richter, Nachbarin, 2. Stock links vom Fahrstuhl aus, klingelt an meiner Tür. Entschuldigen Sie, sagt sie, ist heute Freitag? Ja, sage ich, heute ist Freitag. Ach, wissen Sie, ich weiß manchmal nicht, welcher Tag es ist, entschuldigen Sie doch bitte, sagt sie und starrt auf einen Punkt oberhalb meines linken Ohres. Sie ist etwa anderthalb Köpfe kleiner als ich, stützt sich auf einen Gehstock, vermutlich von der Krankenkasse bezahlt, und erinnert mich an meine Oma, die liebe Oma, die mich immer vom Kindergarten abgeholt hat und nie ein eigenes Leben hatte. Ich lächle. Das macht nichts, sage ich, das macht überhaupt nichts; und ich wiederhole: Heute ist Freitag. Frau Richter freut sich. Danke, sagt sie, danke, und strahlt. Bitte, sage ich, bitte. Sie ist schwerhörig, deshalb wiederhole ich alles. Warum sie alles wiederholt, weiß ich nicht. Bitte, nun wissen Sie, dass heute Freitag ist. Ja, sagt sie, Danke, sagt sie wieder, und nun geht sie langsam in ihre eigene Wohnung zurück. Ich bleibe noch ein bisschen im Türrahmen stehen. 18.58 Uhr Meine Spaghetti sind al dente. Ich hieve sie auf einen Teller, ein Geschenk meiner Eltern, und puste. Die Spaghetti sind heiß. 19.03 Uhr Robert ist in New York, geschäftlich. Vor seiner Abreise habe ich ihm gesagt, es würde mir bestimmt gut tun, ein bisschen mal für mich zu sein. Nun sitze ich allein in der Küche, vor mir: ein Teller, eine Gabel, ein Löffel, ein Glas. Selbst ist die Frau. Ich ziehe die Beine an und lausche in die Stille hinein. Unten auf der Straße holpert ein Auto vorüber. 19.05 Uhr ER: Dreizehn mal zwölf. SIE: (Wasserrauschen, Klirren von Geschirr) Was? ER: Dreizehn mal zwölf. SIE: Hundertsechsundfünfzig. ER: Siehste! SIE: Ich seh' gar nichts. ER: Ich hätt' das jetzt nicht gewusst, so aus dem Kopf. SIE: So? ER: Du kannst das alles viel besser als ich. SIE: Was alles? Du meinst Kopfrechnen? ER: Die Steuererklärung steht an. SIE: Was hat das denn mit dem Einmaleins zu tun? 19.08 Uhr Ich denke an Robert. Wahrscheinlich bespricht er gerade eine Werbekampagne mit einem wichtigen Herrn in Hemd und Krawatte, nickt viel, hüllt seinen Gesprächspartner in Floskeln, und wenn es gut läuft, fallen Wörter wie lovely oder amazing und immer wieder lovely lovely lovely. Wenn es gut läuft. Dann wird er eine Zigarette rauchen, auf dem Weg zurück ins Hotel, und noch einen Weißwein trinken. Vielleicht wird er mich dann anrufen oder er wird gleich auf sein Zimmer gehen, sich langsam die Krawatte ausziehen, die Schuhe, das Jackett, das Hemd, die Hose, erst dann wird ihm das Zähneputzen einfallen, er wird sich exakt zwei Minuten lang die Zähne putzen, dann seinen Wecker auf halb acht stellen, die Decke aufschlagen, sich hinlegen, auf die rechte Seite, den Rücken gekrümmt, die Beine angewinkelt, das Kissen zwischen Kopf und Hand - und später wird er vielleicht noch ein bisschen schnarchen. Du fehlst mir, Robert, denke ich. 19.12 Uhr Frau Richter steht vor mir. Entschuldigen Sie, sagt sie, ist heute Freitag? Sie scheint unruhig. Ja, sage ich, heute ist Freitag. Das ist gut, sagt sie und ihre Züge glätten sich, danke, sagt sie, danke sehr. Bitte, sage ich, bitte, heute ist Freitag. Sie geht wieder. 19.17 Uhr Ich versuche mir vorzustellen, was Herr und Frau Yilmaz auf der anderen Seite der Wand machen, außer zu floskeln und zu schweigen, versteht sich, denn das höre ich ja. Ich kann es mir nicht vorstellen. Vielleicht verbirgt sich hinter der Stille, hinter einer dünnen oder dicken Schicht aus Vergessenwollen und Zeit eine Tragödie. Vielleicht wurden sie zwangsverheiratet? wie das Paar auf Seite drei in der heutigen Zeitung? Vielleicht konnte Frau Yilmaz Herrn Yilmaz nicht verzeihen, dass er sie zur Emigration nach Deutschland überredet hat?, dass sie ihre Familie und Kultur und Heimat zurückgelassen hat für, ja wofür eigentlich?, für Geld und bessere Zukunftschancen für die Kinder, die sie nie bekommen haben? Vielleicht. 19.19 Uhr Ob Robert und ich Kinder haben werden? 19.20 Uhr SIE: Die Pflanze braucht Wasser. ER: Dann gieß sie doch. SIE: Warum tust du das nicht? 19.23 Uhr Frau Richter klingelt an meiner Tür. Entschuldigen Sie, sagt sie, ist heute Freitag? Ja, sage ich, ja, heute ist Freitag. Das ist gut, sagt sie, am Freitag kommt mein Sohn zurück. Ja, sage ich zu der Frau, die aussieht wie meine Oma, zerbrechlich, in den letzten Jahren hilflos, dabei scheint es noch gar nicht lange her zu sein, dass ich auf langen Fahrten in der U-Bahn einschlief und Oma mich auf den Armen weitertrug. Ja, sage ich, heute ist Freitag, und versuche zu lächeln. Ihr Sohn wird nicht kommen. Stattdessen werde ich wie gestern mit ihr ein Stück Kuchen essen, sie zu Bett bringen und dabei an meine Oma oder an Robert denken. So wird es sein. Und morgen ist dann wirklich Freitag, aber darauf kommt es ja n |