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ÜBERBLICK Dan Gorenstein: Der Grauen Tagewerk Dan Gorenstein: Die Klaue Linda Hildebrandt: Winterbaum René Schubert: Eine Pragnacht Tilman Thiel: Hoffnungsstern Tilman Thiel: Abend am Plauer See TEXTE l Dan Gorenstein (Kurssystem) DER GRAUEN TAGEWERK Ein Tuch wird gezogen von der Schwarzen Tagewerk. Was steht, steht allein, zu viel Gelb, und wirkt fremd im Gemüt. Endlos lang die Laternen leuchten in den Tag hinein. Und alles, was da kreucht, ist geblitzt. Und alles, was da fleucht, wird verbrüdert, schamlos. Busse ketten sich zu Bruderstreifen und beginnen mit Steinchen der Grauen Tagewerk. l Dan Gorenstein (Kurssystem) DIE KLAUE Früh am Morgen erwachte Jeremia neben seiner Hand. Sie schlief noch und so ärgerte er sich über sein frühes Erwachen. Zunächst gelangweilt begann er sie zu betrachten. Die Finger eingekrümmt, bildete sie eine Höhle zwischen Daumen und Handrücken, so daß er nur den Daumennagel sehen konnte. Die vorerst glatte Oberfläche der Haut fassonierte zu einer unregelmäßigen Schraffur, doch den widerlichen Höhepunkt machte der schwarzgraue Dreck darunter aus. Kleine Fetzen abgestorbener Haut stahlen, von scheinbarem Eigenwillen beflügelt, auch dem Nagelbett die urtümliche Ästhetik. So lag der Daumen, zerfurcht von Fältchen, kleinen Schrammen und durchstochen von feinen Härchen, wie ein träger schmarotzender Wurm da. Als Jeremia dies erkannte, schloß er angeekelt die Augen, um sie kurze Zeit später wieder zu öffnen, da er nun den Rest der fleischigen Klaue in Augenschein zu nehmen begann. Die Knöchel schienen kalkberggleich durch die sich spannende, durchwühlte Umhüllung platzen zu wollen, die blauschimmernden Adern pflügten sich wie Parasiten unter der Pelle ihres Wirtes hindurch und, vom Unwillen sich zu regen bestärkt, höhnten ihn die verkrusteten Gelenke aus. Das war nicht mehr seine Hand, das war nicht einmal mehr eine Hand. Er hatte jeglichen Besitzanspruch auf diesen Klumpen Fleisch verloren und wollte ihn auch nicht mehr. Die Augen zugekniffen, versuchte er das in die Netzhaut eingebrannte Bild zu verbannen, es zu vergessen, doch es gelang ihm nicht. Langsam, ganz zaghaft begann er die Augen wieder aufzutun, um nachzuprüfen, ob dieses Monstrum immer noch dort draußen lauerte. Dort lag es, reglos, fast friedlich, und so zwang er sich, es länger anzusehen. Mit einem Mal zuckte es, und die Finger bewegten sich ruckartig, wie die Extremitäten einer geifernden Spinne. Zuerst unkontrolliert, doch mit der Zeit gewann er wieder Gewalt über die Bewegung. Er hob sie vor sein Gesicht, streng darauf achtend, daß sie sich nicht bewegte, musterte sie und erkannte langsam seine Hand wieder. Im Laufe des Tages hat sich das dann wieder eingerenkt, doch seitdem steckt Jeremia seine Hand zum Schlafen immer unter das Kopfkissen und betrachtet sie auch sonst mit einem gewissen Argwohn. WINTERBAUM Du streckst die Arme in den Himmel, sie knarren leis' im Wind. Du reckst die leeren Zweigenfinger, durch die die Sonne rinnt. Kleine Wirbel, Borkenrunzeln, alt wirkt deine Haut. An dir geht Jahr um Jahr vorüber, du stehst still, kein Laut. Du läßt dich von Insekten kratzen, deckst dich zu mit grünem Moos. Du läßt dich von der Sonne wecken, und nachts, da träumst du schwerelos. EINE PRAGNACHT Hör da, eine Vogelmutter singt ihr Kind in den Schlaf. Der Mond wird von einer Wolkendecke sanft zugedeckt. Die Stadt legt sich zur Ruhe. Die Dunkelheit, die sich nun auch niedergelegt hat und scheinbar auf allem ruht, wird nur vom Licht, das sanft die menschenleeren Straßen streichelt, vertrieben. In engen Gasse scheint alles nach oben zu entweichen. Kein Nebel vor meinem Hirn. Unter einen Baum gesetzt, die Erleuchtung des Tages zu erfahren. HOFFNUNGSSTERN Wenn ich dichte, dichte ich im Schatten, habe meine Lampe so gebogen, daß das Licht in flutenden Wogen auf Dein Foto seinen satten Schein ergießt. Wenn ich dichte, ist es immer Nacht. Meine Seele wird im Dunkel liegen, wenn die Sonne auch schon aufgestiegen und den Tag gebracht, daraus die Wärme fließt. Eis liegt auf den Händen, wenn ich dichte; immer, wenn Du fern bist, naht die Kälte. Nur Dein Bild, das ich ins Feuer stellte, scheint, wenn ich die Augen darauf richte, jener Hoffnungsstern zu sein, den Du mir ließt. (26. April 1999) ABEND AM PLAUER SEE ... denn dieser ist der Ort, an dem wir Abend finden; des Tages letzter Takt klingt bis zur Stille hin. Er ist der lebendste vom zarten Anbeginn des Dunkelns, bis er schweigt im nächtlichen Erblinden. Als wollte dieser Tag das Sterben überwinden, vergoldet er den Sarg aus dämmergrauem Zinn. Die Henkersmaske wird zur Sonnenkönigin; aus Hermelin gemacht sind alle Birkenrinden. Ein Tag erwacht zum Schlaf, der drohend um ihn steht, vom Wolkenschild geschirmt. Doch diese Stunde fleht nicht, diese Stunde herrscht. Der Tod erscheint als Bitter. Die Sonne steigt vom Thron, den schon die Nacht begehrt, ergreift mit stolzer Hand ihr großes Flammenschwert und schlägt, bevor sie stirbt, den See zum letzten Ritter. |
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