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ÜBERBLICK Anna Hohle: Katze am Abend Markus Schüler: Monster in der Suppenschüssel Anna Hohle: Dämmerstunden Angelika Walewska: Die Brücke im Irgendwo Dan Gorenstein: Die schönste Blume Alexander Olejnik: Der Fluss Alexander Olejnik: Herz im Wind Alexander Olejnik: Verzeihen Thilman Thiel: Straße der Freundschaft Christian Schwack: Paradox TEXTE l Klaus Loscher (Lehrer) schaut' er aufs Maul, und es kam (fast) heutiges Deutsch heraus. Lösung! l Anna Hohle (Kurssystem) KATZE AM ABEND Er liegt gestreckt auf seinem Kissen, die Augen halbgeschlossen funkeln, Verborgen tausend Jahre Wissen, es reflektiert und blinkt gerissen, zeitweise schelmisch auf im Dunkeln. Im Licht glänzt matt sein Tigerfell, die Muster, Streifen, Flecke mischen sich so, wie Dunkel oder Hell vom Schwanz zum Kopf die Schatten schnell undeutlich machen und verwischen. So weich sein Blick, so sanft die Augen, die Krallen schlagen scharf ins Holz und spielend kleine Leben rauben, sie jagen, packen, beißen, saugen, er schaut mich an, sein Blick ist stolz. Wie wunderlich dein Leben ist, Wie stark, wie grausam sanft Du bist! l Markus Schüler (Kurssystem) MONSTER IN DER SUPPEN&UUml;SSEL - Auszug aus einem modernen Schauerroman - (...) Als die Erinnerung in ihrer Intensität nachließ, schreckte ich auf und blinzelte. Es war wieder der kalte Novembermorgen, der Holztisch hatte alle Farbe verloren, und die Risse in den Wänden waren wiedergekommen. Die Erinnerung an die Tage meiner Kindheit hatte mich wieder verlassen. Es war lang her, seit ich unser altes Haus das letzte Mal betreten hatte. Seit den schrecklichen Ereignissen, die ich hier hatte durchstehen müssen, war es nur allzu natürlich, daß ich nicht gerade wild darauf gewesen war, das alles wieder zu sehen. Doch nun war es soweit, ich hatte mich entschlossen, mein Erbe hier anzutreten. Monster hin oder her. Als ich das Wohnzimmer betrat, lag dicker Staub auf Möbeln und Teppich. Im Kamin lagen noch ein paar Scheite vermodertes Holz, daneben ein angelaufener Schürhaken. Auf dem Wohnzimmertisch lag eine alte Zeitung. Von der langen Autofahrt erschöpft, warf ich mich in die grau-braunen Kissen des großen Sessels, und eine große Staubwolke breitete sich um mich herum aus. Und alles, worauf sich die Staubflocken legten, bekam seine alte Farbe und Frische zurück. Die durchlöcherten Gardinen erstrahlten in ihrer alten Frische, die vergilbten Seiten der Zeitung wurden weiß und glatt. Doch diesmal war ich nicht so erschrocken, sondern ließ mich sanft in meine Erinnerungen hinabsinken. Mein Vater war damals nicht mehr nach Hause gekommen. Ich hatte in diesem großen Sessel gesessen, als der Polizist sich mit meiner Mutter unterhielt. Ich hatte sie weinen gesehen. Der Polizist gab sich wirklich alle Mühe, er fragte meine Mutter, wann sie meinen Vater zum letzten Mal gesehen habe, fragte nach seiner Arbeitsstelle, nach Freunden und Verwandten. Ja, sogar mögliche Liebhaberinnen ließ er nicht aus. Meine Mutter versuchte alles, so gut es ging, zu beantworten. Einen Tag darauf ging die Vermißtenanzeige unseres Vaters durch alle Zeitungen, die man in dieser entlegenen Gegend bekommen konnte. Es wurde ein Suchtrupp los geschickt, der nahe gelegene Wälder und Moore nach meinem, wahrscheinlich schon toten, Vater durchsuchte. Die mehrtägige Suche war jedoch völlig umsonst, und so meinte der Polizeikommissar später, wenn er nicht abgehauen sei, sei er wohl in einem der nahe gelegenen Moore verschwunden, in denen die Chance sehr gering sein würde, ihn jemals wieder zu finden. Dies schien meine Mutter etwas zu beruhigen. Wahrscheinlich war es ihr lieber, nun endlich eine gewisse Sicherheit zu haben. Bald hörte sie auf, bei jeder Gelegenheit zu weinen, schließlich hörte man von ihr auch wieder einmal ein Lachen oder zumindest ein gewisses Lächeln, wenn die Situation es zuließ. Ich weiß nicht, wie es meinem Bruder gegangen ist, jedoch bin ich nie ganz über sein rätselhaftes Verschwinden hinweggekommen. Resigniert stand ich wieder vom Sessel auf und ging schweren Schrittes in die Diele. Die alte Uhr war stehengeblieben. Ich öffnete ihren Bauch und zog sie wieder auf. Dann stellte ich die Uhrzeit ein und schloß sie wieder zu. Wie in alten Zeiten fing die Uhr sofort wieder an, ihrem unruhigen und doch so stetigen Takt zu folgen. Tick Tack Tack Tack Tick Tack Tack. Das Uhrwerk hatte die Jahre überstanden, ohne dabei Schaden zu nehmen, und selbst der absonderliche Rhythmus war geblieben. Da ich meinen Rundgang durch das Haus noch nicht vollendet hatte, ging ich die Stufen mit dem grünen Teppich nach oben. Dabei warf ich wie zufällig einen Blick zur Treppe in den Keller, die Wurzel all meines übels. Oben lagen die Schlafzimmer. Gleich rechts war das Kinderzimmer, das Mikey und ich uns geteilt und in dem ich später ganz allein gewohnt hatte. Gegenüber auf der linken Seite war das Schlafzimmer meiner Eltern gewesen. Und ganz am Ende das von Großmutter und Großvater. Ruhigen Schrittes ging ich darauf zu. Dieses Zimmer war früher für uns immer absolut verbotenes Gebiet gewesen, und eigentlich hatte ich es nur einmal richtig gesehen, und das war dann auch das letzte Mal gewesen. Als ich den verchromten Knauf drehte, schlug mir eine kalte Brise entgegen. Das Fenster, das zur Ostseite hin hinausging, stand sperrangelweit offen. Der braunrote Teppich schien meine Schritte fast in sich aufsaugen zu wollen, als ich schnellen Schrittes zum Fenster ging, um es zu schließen. Der erste Schneematsch lag auf dem Sims und kündigte von einem bald hereinbrechenden heftigen Winter. Draußen sang ein Vogel. Noch bevor ich das Fenster schließen konnte, fuhr eine leichte Böe hindurch und zog ein Blatt der nahen Eiche mit sich hinein. Rot-gelb tanzte es durch das Zimmer, um schließlich behutsam auf die große, graue Tagesdecke hinabzusegeln, die Großmutters und Großvaters Bett wie ein Leichentuch umhüllte. Und je tiefer das Blatt kam, um so mehr kehrte die Vergangenheit zurück. Mein Bruder und mein Großvater sind sehr kurz hintereinander gestorben. Mikey war der erste, und das ziemlich genau sechs Monate nach dem Verschwinden meines Vaters. An diesem Mittwoch hatte Mikey schulfrei gehabt, und als ich aus der Schule kam, fand ich meine Mutter tränenüberströmt in der Küche. Ein paar Taschentücher lagen in ihrer Schürze, eine weiteres daneben auf dem Boden. Als ich das noch feuchte Tuch aufhob, bemerkte ich die Reste ihres Make-ups. Sie konnte noch nicht allzu lange weinen. In der Ecke stand meine Großmutter und funkelte mich grausam an. "Geh in dein Zimmer!", zischte sie, und ich entfernte mich. Ich weiß noch, wie leer mir das Zimmer vorkam, als ich darauf wartete, zu erfahren, was das alles zu bedeuten hatte. Ich fragte mich, warum Mikey nicht hier war, und dachte mir die schlimmsten Szenarien aus. Leider wurden sie von der Realität, die mich am gleichen Abend ereilen sollte, bei weitem in den Schatten gestellt. Mein Bruder war aus dem Fenster in Großvaters und Großmutters Zimmer gefallen. Es hatte, wie meine Mutter mir dann am Abend erzählte, vormittags zum Lüften offengestanden, und Mikey mußte sich zu weit hinausgebeugt haben, so daß er schließlich den Halt verloren hatte und in die fünf Meter tiefen Büsche gefallen war. Der Arzt hatte Genickbruch festgestellt und empfohlen, ihn gleich mitzunehmen, doch dagegen hatte sich meine Mutter gewehrt. Darum würde die Familie sich kümmern. Wie immer, oder genauer, wie bei meinem Vater, denn auch hier hatte Großvater es in die Hand genommen, sich um die Grabstelle zu kümmern, nachdem meine Mutter sich schließlich dazu entschlossen hatte, ihn für tot zu erklären (einfach verschwunden war für sie wohl nicht in Frage gekommen). Meinem Großvater gehörte ein Bestattungsunternehmen, und so war das für den Arzt kein weiteres Problem gewesen. Für mich aber war es eins! Denn so war ich mir in den folgenden Tagen durchaus bewußt, daß mein kleiner Bruder, den ich, wie das wohl unter Brüdern so üblich ist, über alles geliebt hatte, nun tot im Keller liegen würde. Mit blauem Gesicht, kalter Haut und verzerrtem Ausdruck in den erschreckten Augen. Und neben ihm, im Schrank - die Suppenschüssel. Das Bild meines toten Bruders, den ich, was vielleicht noch schlimmer gewesen war, nach diesem Unfall niemals zu Gesicht bekommen hatte, was meinen schlimmsten Phantasien Türen und Tore öffnete, spukte die darauffolgenden Nächte durch meine Träume. Mikey lief durch das verbotene Zimmer auf das offene Fenster zu. Draußen sang ein Vogel. Doch da war noch etwas anderes. Etwas Grausames, das Mikey in das Zimmer gejagt hatte. Etwas, das ihm genug Angst gemacht hatte, aus einem Fenster in fünf Metern Höhe hinauszuspringen! Immer und immer wieder sah ich in meinen Träumen, wie das Monster aus der Suppenschüssel meinen Bruder verfolgte und ihn auf das offene Fenster zusteuerte. Nicht nur einmal wurde ich völlig schweißgebadet wach. Und bald war es nicht nur der Schweiß. Das war die Zeit, als ich anfing, wieder ins Bett zu machen. Mein Opa starb, jedenfalls äußerlich, eines natürlichen Todes. Herzinfarkt. Sein Herz hatte ausgesetzt, als er gerade in sein nachmittägliches Schläfchen versunken war. Er war in Ruhe eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht, und alle, die meinten, dazu etwas sagen zu müssen, meinten, es wäre so bestimmt am besten gewesen. So hätte er sich jedenfalls nicht mit den grausamen Qualen einer schlimmen Krankheit herumschlagen müssen. Nur für die Familie wäre es natürlich besonders hart, jedoch solle man doch an den Alten selber denken! Leider vergaßen die Leute dabei, daß es keine schlimmen Krankheiten gegeben hatte, die meinen Großvater hätten quälen können. Keine Arterienverengung, kein Bluthochdruck und keinen Krebs. Nicht einmal Rheuma! Aber vielleicht war es doch ein Segen für ihn gewesen, so aus der Welt zu scheiden. Das aber aus einem Grund, den die Leute sich wohl kaum in den kühnsten Träumen hätten vorstellen mögen. Ich jedoch konnte und mußte, denn ich hatte ihnen allen etwas voraus. Ich und nicht sie war in das Zimmer gekommen, um Opa nach dem Mittagsschlaf zu wecken. Mutter hatte mich geschickt, denn Großmutter war nicht zu finden gewesen, und als ich das Zimmer zum ersten und letzten Mal betrat, verstand ich wieso. Meine Großeltern lagen nebeneinander in ihrem damals schon alten Doppelbett. Ich sah die beiden an, und sofort wurde mit klar, daß etwas nicht stimmen konnte. Ich bin später zu der Einsicht gekommen, daß der Tod sich nicht nur durch völliges Aufhören der Körperfunktionen auszeichnet. Es ist mehr eine Art Gefühl, das sich um einen Toten ausbreitet, wie eine dicke Eisschicht. Manche würden sagen, das wäre die Seele, die den toten Körper verläßt, um ins ewige Himmelreich einzuziehen, doch das kann ich weder bekräftigen noch widerlegen, denn ich bin nie besonders religiös oder philosophisch gewesen. Und dieses Gefühl, von dem ich schon nach Mikeys Tod hatte zu genüge kosten dürfen, in diesem Moment, als ich das Zimmer betrat, fühlte ich es auch. Mir war klar, noch bevor ich bemerkte, daß Großvater nicht mehr atmete, daß er nicht mehr am Leben war, und ich war erschrocken und irritiert. Hatte Großmutter nicht mitbekommen, daß sie neben einem toten Körper lag? Und in meiner kindlichen Naivität ging ich zu ihr hin, um sie aufzuwecken. Erst als ich neben ihr stand, bemerkte ich die Träne in ihrem rechten Auge, die sich von den Lidern löste und über die faltige Wange lief, bis sie schließlich auf das Kopfkissen tropfte. In diesem Moment wurde mir bewußt, daß ich, seit ich das Zimmer betreten, keinen Atemzug getan hatte und meine Lunge deshalb zu brennen anfing. Als sie sich mit einem lauten Luftzug wieder füllte, öffnete Großmutter die Augen und starrte mich an. Es war ein Blick, der sich bis heute in meine Träume schleicht. "Es ist schuld." Sie zischte die Worte auf eine reptilienhafte Art, daß es mir kalt den Rücken runterlief: "Das Monster in der Suppenschüssel war es!" Ihr Mund war zu einem dünnen Strich verzogen. "Das Monster in der Suppenschüssel! Warte nur, bald bist du an der Reihe." Erst als es in meinem Schritt warm wurde und ein dunkler, nasser Fleck sich anfing auszubreiten, konnte ich mich von diesem grausamen Blick abwenden. Ich rannte aus dem |