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ÜBERBLICK Antonia Putzger: Am Sonntag Antonia Putzger: Schlafensmüde Anna Hohle: Wieder Schlafen Antonia Putzger: Schlafen will ich... Dan Gorenstein:Invers Marc Gollnow: Die Liaison Eva Becker: Krise Markus Schüler: Briefe an den Weihnachtsmann Tilman Thiel: Winternähe TEXTE Klaus Loscher (Lehrer) In wilhelminischer Zeit schildern so trefflich wie er. Wer ist gemeint? Lösung! Antonia Putzger (Kurssystem) AM SONNTAG Es ist Sonntag. Morgen ist Montag. Das ist jede Woche so. Das Wochenende ist mal wieder kürzer als gedacht. Doch der Blick auf die Uhr zeigt, es ist noch gar nicht drei, sondern erst zwei. Damit lässt sich etwas anfangen. Zähne putzen und Hausaufgaben machen fallen raus. Vielleicht noch einmal ins Bett gehen? Einen Krimi lesen oder gar die Zeitung? (Was im Moment keinen Unterschied macht; es ist noch immer die Woche der großen Terroranschläge auf Amerika.) Die Katzen streifen gemächlich durch die Wohnung und lassen sich dann irgendwo hinfallen, um zu schlafen oder ihren Faulpelz zu putzen. Die haben es gut. Es wird wohl regnen. Wer hat Lust, die Geschirrspülmaschine auszuräumen? Ich nicht. Hoffentlich ruft während des Tatorts keiner an. Es lohnt sich einfach nicht mehr, wenn man den Mord verpasst hat. Die Zeitrechnung ist noch immer die gleiche: Jetzt ist es September, dann kommen Oktober, November, Dezember und Januar, dann das Abitur und danach Leben. Antonia Putzger (Kurssystem) SCHLAFENSMÜDE Verzweifelt rote Augenlieder schließen sich, öffnen sich wieder, der harte Tag, er lähmt die Glieder, doch findet keine Ruh'. Des Schlafens müde läuft ein Mann nachts durch die Stadt, so weit er kann, schaut dunkle Schaufenster sich an und findet keine Ruh'. "Arbeit am Tag, Schlaf in der Nacht um's halbe Leben mich gebracht", so denkt er, als er schlaflos wacht und findet keine Ruh'. Die Dämmerung zeigt ihm den Tag, den Sonnenaufgang, den er mag, die Arbeit fragt: Sag bist du stark? Die Augen fallen zu. Anna Hohle (Kurssystem) WIEDER SCHLAFEN Ich wohne in einem Haus hier in der Stadt. Im 4. Stock sitzt ein Physiker über seinen Formeln. Wenn es dunkel wird, schläft er zwischen Eo und Er. Der Junge im Erdgeschoss malt ein Bild. Wenn es dunkel wird, wird es fertig sein. Im 3. Stock spielt eine Frau auf einem schwarzen Klavier. Wenn es dunkel wird, verschwindet sie zwischen den Tönen. Ich möchte auch fertig werden und verschwinden. Dann könnte ich nämlich auch wieder schlafen. Antonia Putzger (Kurssystem) SCHLAFEN WILL ICH... sSchlafen will ich, nichts als schlafen unter weichen, warmen Decken und den Zettel 'Heut' nicht wecken' außen an die Türe stecken ruhen muß ich, endlich ruhen und die schwere Last der Tage die ich sonst mit Mühe trage ist nicht länger eine Plage müde bin ich, wenn die blauen Schleier auf mich niederfallen und die Zungen schwere lallen weil des Schlafes Nebel wallen und der Körper bleiern träge, langsam dreht er sich zur Linken Schluck für Schluck muß ich es trinken, das dunkle Wasser, und versinken Dan Gorenstein (ehemaliger Schüler) INVERS „Aaer ir itchen iel orer Otsche - Aber wir sitzen viel vor der Glotze“ (Thomas Pynchon, Vineland) Als es halb zehn war, saß Schmidt noch immer in seiner Wohnung. Mittlerweile war es draußen hell geworden, so daß das Licht im Badezimmer völlig umsonst brannte, genauso wie das Wasser, das schon seit drei Stunden unsinnig aus dem Wasserhahn in den Abfluß floß und dabei,fast vorwurfsvoll, vor sich hin zischte. Das weißgraue Tageslicht, das sich durch den wolkigen Himmel in Schmidts Wohnung durchgekämpft hatte, lag matt im Flur und schien umsonst die Glieder nach dem Badezimmer und Schmidts Gesicht auszustrecken: Wie ein grimmiger Türsteher nahm das Badezimmerlicht den Raum in Beschlag. Schmidt saß, in dieses gelbe Licht getaucht, dem Zischen des Wassers gegenüber taub, an die Wand vor dem Waschbecken gelehnt, seine Augen wurden nicht ausgeleuchtet, (dafür hatte niemand das Licht montiert, im Badezimmer steht man vor dem Waschbecken), die linke Hälfte seines Gesichts war mit getrocknetem Rasierschaum bedeckt, in der rechten Wange war ein Schnitt, aus dem Blut seinen Hals hinuntergeflossen und dort getrocknet war, sein kurzes Haar stand ihm akkurat auf dem Kopf, in der Hand hielt er den Rasierer. Die Stimme, die ihn geweckt hatte, sprach noch immer zu ihm, es war eine kräftige Stimme und er glaubte ihr. Er hatte ihr schon gestern geglaubt, als sie ihm vom GEZ erzählt hatte. Schmidt kannte die Stimme, er kannte alle Stimmen, die meisten sprachen nur in seinem Kopf mit ihm und er konnte sich nur anhand des Tonfalls, der Sprache und dem, was sie sprachen, etwas Fleischliches dazu vorstellen, einige der Stimmen jedoch waren bereits fleischlich, zum Beispiel meldete sich alle paar Monate ein alter Schulkamerad, mit dem er Abitur gemacht, den er aber nie wirklich wahrgenommen hatte. Auch einer seiner Kollegen sprach vor dem Schlafengehen noch mit Schmidt und dieser hatte sehr lange gebraucht, um zu begreifen, daß Arnold nichts von diesen Gesprächen wußte, es sogar gar nicht wissen konnte was er Schmidt da nachts erzählte, ja geradezu beichtete; schließlich hatte Schmidt beschlossen, Arnolds teilweise ganz schön widerlichen Geheimnisse für sich zu behalten und Arnold selbst damit nicht zu behelligen, obwohl er manchmal glaubte, Arnold wisse sehr wohl, was er Schmidt da schon alles erzählt hatte, und er schäme sich bloß dafür. Was für Schmidt allerdings das schlimmste war, was ihn am meisten aus der Bahn werfen konnte, war, wenn er die fleischliche Form einer seiner Stimmen kennen lernte. So hatte er vor einem halben Jahr Monika, die kleine, frauliche Posaunistin, in die er sich er einmal verliebt und die ihn dann wegen der Unmöglichkeit dieser Beziehung verlassen hatte, in einem Gemüseladen an seiner Straßenecke getroffen. Zuerst dachte Schmidt sie wäre in seinen Kopf zurückgekehrt und wolle es doch noch einmal mit ihm probieren, doch dann hatte er gemerkt, daß die Stimme tatsächlich zu einer der Personen im Laden gehörte, und hatte den Impuls, zu ihr zu eilen und ihr Entschuldigungen schluchzend in die Arme zu fallen, durch den Impuls, wegzurennen und sich für einige Tage krank zu melden, ersetzt. Sie war nicht in seinen Kopf zurückgekehrt und den Gemüseladen hatte er seitdem nicht mehr betreten. Aber Schmidt sah viel fern. In seinem Zimmer stand ein ziemlich großer Fernseher, den er immer einschaltete, um ein Gespräch mit den Stimmen zu beenden, es war seine einzige Fluchtmöglichkeit. Wenn eine der Stimmen trotz eindeutiger Absage einfach weiterredete (wozu einige neigten, da sie sehr wohl um das Verhältnis wußten, in dem sie sich mit Schmidt, auch physisch, befanden), machte er den Fernseher so laut, daß er sie nicht mehr hören konnte. Die Stimmen hatten ihre Ohnmacht an diesem Punkt schließlich eingesehen und so war dem Fernseher eine neue Rolle zugefallen, die Beruhigung. Einerseits die der Augen, denn Schmidt brauchte die bewegten Bilder, um in Ruhe mit den Stimmen reden zu können, nahm er sie doch bestenfalls akustisch wahr. Andererseits konnten die Stimmen über seine Gedanken (zu denen sie uneingeschränkten Zugang hatten), das Fernsehprogramm mitkriegen. Sie baten Schmidt oft darum, den Fernseher einzuschalten, damit sie sich, kaum noch existent in dem Zustand des Gedankenverarbeitens, trotzdem noch fühlen konnten, vielleicht wußten sie selbst nicht, ob sie tatsächlich ein Bewußtsein jenseits der Gespräche mit Schmidt hatten. Der Brief: Ein länglicher Umschlag, dessen Farbton bestenfalls mit beigegrauweiss beschrieben werden konnte, in Pastellgrün, sich den Konturen des Umschlags anpassend, waren obskure Kästchen, Codes und die Buchstaben GEZ darauf gedruckt, in einem durchsichtigen, knisternden Fensterchen stand Schmidts Adresse und mitten auf dem Umschlag stand blauschwarz und verwischt, vermutlich gestempelt, der Satz: „Zahlen sie ihre Rundfunkgebühren!“ Vor ein paar Wochen war etwas Seltsames, etwas höchst Seltenes geschehen, eine neue Stimme hatte sich gemeldet: Melvin Schwartz. Schmidt saß gerade am Küchentisch, aß eine Suppe und war im Gespräch mit Susanne, einer dreißigjährigen Haushälterin mit kurzem blondem Haar, die in Wien lebte. Da hörte er ein unheimlich lautes Fiepen. Für einen Moment glaubte er, dies sei jetzt der Tinitus, die Quittung für die permanente Belastung seines, zumindest geistigen, Ohrs. Dann erstarb es und wurde zu einem stimmlosen Krächzen: tatsächlich war es ein männliches Falsett, Melvins Falsett, gewesen. Susanne hatte sich erschrocken und verstört in Schmidts Unbewußtsein zurückgezogen. Schmidt war allein in der kleinen Küche mit sich selbst, einem häßlichen Fleck Suppe auf dem Hemd und einer unbekannten Stimme, die darauf zu lauern schien, daß er, wie ein Paranoider in einem dunklen Raum, laut in die Küche nach ihr fragte. Nach einiger Zeit, die für Schmidt nie enden zu wollen schien, setzte Melvin zu einem seiner phantastischen Monologe an, von denen Schmidt von da an noch viele zu hören kriegen sollte. Melvins erster Monolog befaßte sich mit dem Thema Fußball: er begann ganz simpel mit der Kommerzialisierung dieses Sports und der daraus erwachsenden Verknüpfung mit den großen Massenmedien, dann allerdings beschrieb er die mangelnde Authentizität von Spieler und Mannschaft, kam, davon ausgehend, zu der regelrechten Nachwuchszüchtung, die die Fußballvereine, auch mit Hilfe der Massenmedien, betrieben und schilderte letztendlich eine schauerliche Zukunftsvision, in der gentechnisch gezüchtete Fußballerhybriden die ewig völkerverbindenden Turniere ausfochten wie auf den imaginären Schlachtfeldern des kalten Krieges, auf denen die Rolle der Atomwissenschaftler den vereinseigenen Gentechnikern und die der Supermächte den Konglomeraten aus Vereinen und Sponsoren zukam. Nach diesem Monolog sah Schmidt immer weniger Fußball im Fernsehen, schließlich gab er es ganz auf.Melvins Stimme war nicht mit denen der anderen zu vergleichen: Sie unterhielt sich nicht mit Schmidt, sondern hielt immer diese beängstigenden Monologe, sie meldete sich immer in dem entsetzlichen Falsett, sie tauchte immer so unerwartet auf wie beim ersten Mal in der Küche und wenn sie sprach, klang es eigentlich nicht wirklich menschlich, irgendwie moduliert, so als spräche sie von einem Anrufbeantworterband. Mit der Zeit entwickelte Schmidt die Paranoia eines Epileptikers, der seinen nächsten Anfall und dessen Folgen nicht vorhersehen kann. Eines Nachts hatte ihn Melvins Falsett aus dem Schlaf gerissen, auch er hatte geschrien, sich aufgesetzt und keuchend den hellblau schimmernden Fernsehbildschirm angesehen. Nach etwa einer Minute hatte er festgestellt, daß Melvins Falsett verstummt war und daß das Fiepen, das er immer noch hörte, vom Fernseher kam. Melvin würde gleich sprechen. Dann hatte Melvin gesprochen, lange gesprochen: er hatte von Melvin Schwartz gesprochen, einem Informatikstudenten, der eines Tages einfach auf der Straße zusammengebrochen und als Autist in einer psychiatrischen Klinik wieder aufgewacht war, er hatte von Melvin Schwartz‘ leerem Körper gesprochen, umgeben von weißen Wänden, Tischen und Stühlen, er hatte von Melvin Schwartz‘ geschundener, verprügeltaufgedunsener Seele gesprochen, die in einem engen Krater der grauen Vorhölle gelegen hatte, und er hatte von Melvin Schwartz‘ wundersamer Wiedergeburt in Schmidts Kopf gesprochen, danach war er, wie immer plötzlich, in einem Tonfall, als wäre er noch mitten im Satz, verstummt. Schmidt war auf der Stelle erschöpft eingeschlafen. Nach und nach hatte Melvin Schmidt nicht nur den Fußball, sondern auch sämtliche Talkshows, Vorabendserien, Fernsehfilme, Quizshows und vor allem jegliche Art von Werbung verdorben. Schmidt blieb keine andere Wahl, als den Fernseher ausgeschaltet zu lassen, er langweilte oder ärgerte sich sowieso nur noch seinetwegen und letztlich meldete er ihn sogar ab. Auch wenn er der glücklichen Zeit, als ihm das Fernsehprogramm noch gefallen hatte, hinterhertrauerte: er sah es nicht ein für eine Dienstleistung Geld zu zahlen, die er nicht in Anspruch nahm. Von nun an stand der Fernseher als nostalgisches Überbleibsel vergangener Jahre in Schmidts Zimmer, eine diabolische, stumme Fleischlichkeit Melvins, die ihn nachts länger wach hielt, als es das Spätabendprogramm jemals vermocht hatte. Melvins Monologe nahmen ab, in Schmidts Leben kehrte eine gewisse Ruhe ein, dann kam der Brief. Schon als er den Umschlag besah, fühlte er Melvins schreckliches Falsett herannahen, mitten auf dem Flur brach er zusammen: er ging in die Knie, die Augen gegen die Decke gerichtet, die Hände mit aller Kraft auf die Ohren gedrückt, und trotzdem begann Melvin seinen verfluchten Monolog: Die GEZ war nicht etwa, wie Schmidt es immer gehört hatte, die ruhige, verstaubte und etwas schusselige Gebühreneinzugszentrale, die mehr oder minder auf Vertrauensbasis die Rundfunkgebühren einzog, die jeder selbst für richtig hielt, sondern eine höchst gefährliche, brillant getarnte und in voneinander unabhängigen Zellen arbeitende Geheimorganisation, ein Überbleibsel des so genannten westlichen Kommunismus, die es sich zum Ziel gemacht hatte, den weltweiten Kapitalismus über die eigenen Beine stolpern zu lassen, ihn durch schlaues Taktieren von innen heraus kollabieren zu lassen, kurz Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Dazu hatte der GEZ sich beispielsweise genügend große Anteile sämtlicher Fernsehsender gesichert, um das Programm, zumindest teilweise, natürlich über zahllose Tochterunternehmen oder beeinflußte Behörden, mitzubestimmen. Der einzige Unterschied, mit dessen Hilfe man die beiden Gesellschaften von einander unterscheiden konnte, war ein Satzzeichen. Die Gebühreneinzugszentrale machte hinter dem Satz „Zahlen Sie ihre Rundfunkgebühren.“ einen schlichten Punkt, sie hielt das ganze faktisch und tat schließlich nur die vom Staat auferlegte Pflicht; der Geheimbund entrechteter Zombies dagegen setzte hinter den selben Satz ein Ausrufezeichen, formte ihn zum unausweichlichen Imperativ, zum geheimen Schrei der neuen, stillen Revolution um. Der Punkt forderte lediglich einige langweilige Banken- und Behördengängen ab, das Ausrufezeichen eine komplette Aufgabe aller alten Lebensgewohnheiten, Personenrechte und Ängste. Es war erstaunlich, wie viel Melvin über den GEZ wußte, er kannte sämtliche Zellen, Geheimzentralen und Mitglieder, (Adressen, Personenbeschreibungen, alles, alles...) und er ratterte das alles runter, als wäre er ein leckendes Faß voller Informationen. Alle Fakten: Struktur, Pläne, Geschichte des GEZ ergossen sich wie von einem vollgequatschten Anrufbeantworter ohne Ausknopf direkt in Schmidts Gehirn. Als es vorüber war, schloß Schmidt erleichtert die Augen, dann riß er sie sofort wieder auf und erhob sich, wie an dicken Tauen um Kopf und Glieder gezogen, besinnungslos suchte er in einem Schuhschrank nach einem Hammer. Er wühlte mit seinen klobigen Händen in einem Pappkarton, fand den Hammer und ein paar Nägel, dann torkelte er zur Wohnungstür und nagelte den ungeöffneten Brief an den Türpfosten. Schmidt schlief ein und träumte: er träumte von sich selbst, wie er auf einem kleinen Felsen in einer stürmischen Nacht stand, umgeben von rasenden Wolken, umgeben von panisch zappelnden Gräsern, umgeben von Menschen, vielen Menschen, einem Heer, einem Volk, mit weißer Haut und weißen Lippen, wie aus weichem, ungefärbtem Plastik. Er träumte, wie er gegen den Sturm anschrie, in einer fremden Sprache, wie er sich selber hören konnte und wie das Volk, sein Volk, ihn erwartungsvoll ansah, so als wartete es darauf, daß er gleich mit dem Sprechen begänne, und als er verstummte, kroch über ihre weißen Lippen, über jedes einzelne Paar weißer Lippen ein verblödetes Lächeln und sie wiegten sich selig im Wind. Schmidt erwachte wieder und begann sich, ebenso verblödet lächelnd wie die Zombies aus seinem Traum, zu rasieren: er machte den Wasserhahn auf, lauschte dem Zischen, dann bestrich er sein Gesicht mit Rasierschaum, begann sich zu rasieren. Er schabte den Schaum mit den Haaren vom Gesicht, hielt den Rasierer unter den Wasserstrahl und schabte den nächsten Schaumhaarballen vom Gesicht. Ein wenig Rasierschaum war naß geworden und lief über seine Lippen, er strich sich mit der Zunge darüber, seine Lippen wahren fahler als zuvor, aus dem monotonen Zischen des Wassers kristallisierten sich andere Geräusche heraus, eine Stimme, die sprach, Melvins Stimme. Und Melvin sprach ohne Pause, Schmidt schabte ohne Pause, Blut floß, Schmidts Gehirn floß über, dann Stille, als hätte jemand die Stummtaste eines Fernsehers betätigt. Schmidt lauschte dem Nichts, tonlos, gedankenlos, und irgendwann stand er auf, nahm den Hammer und stellte sich vor den Fernseher. Als er den Fernseher einschaltete, war eine bunte Truppe junger Menschen auf einer sonnigen, grünen Wiese zu sehen, die alle irgendein einzigartiges neues Lebensmittel zu sich nahmen: eine Wurst, eine Gewürzgurke oder ein besonders weiches Weißbrot, und sich dabei so verhielten, als hätten sie allesamt einen riesigen Berg Koks inhaliert; dann ein kryptischer Kurzfilm, der als Kernaussage lediglich: „Werbung Ende“ hatte; dann direkt eine Programmvorschau, ein Fernsehfilm zur Hauptsendezeit: ein homosexueller Student verdient sein Geld damit, daß er auf Kinder aufpaßt die treu sorgende Eltern ihm anvertrauen, er mißbraucht dies Vertrauen, ebenso wie die Kinder, wird aber von einem katholischen Geistlichen in flagranti erwischt und führt von nun an das Leben eines wahnsinnigen, verfolgten Penners, Titel: „Die armen Kinder - Student, jetzt mußt du büßen!“ und schließlich nahm der Sender das ursprüngliche Programm wieder auf: Fastvillage, eine Vorabendserie in der Wiederholung vom Vortag, die sich um die Stammkundschaft des Cafés Fastvillage dreht, die durchweg aus skurilen Typen besteht, die sich über Kunst, Politik und abgefahrene Situationen unterhalten, gerade war Mike dabei Antje zu erklären, warum Haustiere wie Hund und Katze die menschliche Gesellschaft erst lebensfähig machen, da zerbarst Antje der Kopf, erst ihr Kopf und dann blitzschnell der Rest des Cafés Fastvillage; ein blauer Blitz, Blut von Schmidts zerschnittenem Arm auf der nun grauen und zersplitterten Mattscheibe. Schmidt begann zu weinen, wischte sich die Tränen mit dem blutigen Arm aus dem Gesicht, legt sich in Fötusstellung vor den Fernseher und schluchzte sich erneut in einen unruhigen Schlaf. Das Klopfen eines Nachbarn weckte ihn. Anstatt zu antworten zerbrach er ein Bücherregal und vernagelte mit den Brettern die Tür. Alle Stimmen, auch die Melvins, waren, das wußte er, für immer verstummt. Er genoß die Ruhe, lauschte jedem einzelnen Geräusch, jedem fallenden Buch, jedem berstenden Brett, jedem versenkten Nagel und jedem entfernten Menschenschrei. Bevor das Wasser abgestellt worden war, hatte er immer von dem zischenden Wasserstrahl getrunken und er hatte Nudeln gegessen, sein Mehl zu Brot gemacht, schließlich begonnen Vögel zu fangen. Schmidt sah aus dem Fenster in den trüben Abendhimmel, heute Nacht würde es regnen und er stellte ein paar Schüsseln aufs Fensterbrett. Marc Gollnow (ehemaliger Schüler) DIE LIAISON Ich kann mich selbst beinah nicht mehr ertragen. Es lebt sich schlecht mit diesem rauhen Weibe. Und doch, ich such' des Nachts mir ihre Bleibe, Ich bitt' sie dann, mich länger noch zu plagen. Die Seel' erwacht, wenn Leut' den Namen sagen. Ich lieb' die Hoffnung, und beweisend schreibe ich Hymnen auf mein Leben, denn ich treibe naiv dahin, verbiet' mir's kritisch Fragen. Sie ist mein Los, mein Schicksalsschlag, die Gute. Sie flößt mir ein, mit Engelszung', den Mute. Ach, töricht-lieblich-schönes Spiel. Mir recht, solang es bleibt und wirkt und schafft, soll's brav und gut mir geben weiter Kraft. Es lebt sich leichter; so debil. Eva Becker (Lehrerin) KRISE Einmal sagtest du, du werdest schreiben. Nun sag mir: Welche Wörter werden bleiben, wenn über dir ein heißer Glutsturm weht, Beständiges und Festes untergeht und dir die Bilder der Fatamorganen nichts übriglassen als ein somnambules Ahnen, wenn heiße Spiegel Bilder gaukeln, Gespensterschiffe über Meere schaukeln und märchenhafte Karawanen zerflimmern auf den Autobahnen, wenn sich, erwacht von hoffnungslosem Sehnen, Dämonen pfeifend in die Himmel dehnen? Und welche Worte wirst du sprechen, wenn sorgsam festgezurrte Ketten brechen, der Anker keinen Grund mehr findet, das Netz zerreißt, das an die Welt dich bindet, und in den Mauern leis' ein Tier sich rührt, das seine Fesseln trauernd spürt? Sag, was rührt deine Seele an, daß sie von all dem sprechen kann? Markus Schüler (ehemaliger Schüler) BRIEFE AN DEN WEIHNNACHTSMANN Lieber Herr Weihnachtsmann. Dies ist ein Brief von deinem Freund Manuel. Ich bin im Juni 9 geworden und jetzt schon zimlich groß. Auf jedenfall größer als meine Schwester Hanna. Die ist erst 6 und immer ganz doof zu mir. Ich schreibe dir, weil ich dich um etwas gans gans wichtiges bitten will. Ich wünsche mir schon so so lange älter zu sein! Vielleicht 18 oder so. Ich wünsche mir das wirklich gans doll. Damid du siehst, wie doll ich mir wünsche 18 zu sein, habe ich dir eine Liste aufgestellt, auf der das steht. 1. können mir Mama und Papa nichts mehr sagen, was ich tun soll 2. kann ich ganz lange aufbleiben 3. darf ich alles im Fehrnsehen kucken, was ich will 4. habe ich mein eigenes Haus 5. verdiene ich gans fiel Geld 6. muß ich nicht mehr in die Schule 7. kann ich Auto faren 8. müssen andere Kinder auf mich höhren 9. kann ich mir alle Spielsachen kaufen 10. bin ich viel glücklicher Du siehst also, es gibt fiele Gründe, warum ich 18 sein will. Mama und Papa sagen, das das alles Quatsch ist und ich soll meine Jugent genießen, aber die sagen ja auch immer, das es dich gar nicht gibt (ich glaube aber doch). Ich hoffe du siehst wie wichtig mir dieser Wunsch ist und erfüllst ihn mir. Wenn du das machst, musst du mir auch 3 Jahre lang nichts mehr schenken. Erenwort!!! Danke schon vorher Dein Manuel P.s.: Endschuldige bitte die Rechtschreibfehler. Ich bin nicht besonders gut in Deutsch. Sehr geehrter Herr Nikolaus, hier schreibt Ihnen Frau Jutta Butt (geborene Stempel), 49. Auch auf das Risiko hin, einer vielleicht fiktiven Persönlichkeit diesen, vielleicht etwas unsinnig erscheinenden, Brief zu schreiben, möchte ich mich Ihnen doch ausdrücken und einen Wunsch äußern, der mir schon länger auf der Seele brennt. Und wo wäre solch ein Wunsch besser aufgehoben, als bei dem, der alljährlich die Wünsche der Kleinsten erfüllt? Nirgendwo sonst. Ich bitte Sie aber trotzdem darum, nicht vor der Bizarrheit meines Wunsches zurückzuschrecken. Er mag zwar etwas unwirklich erscheinen, drückt mich aber vollends aus. Ich wünsche mir schon seit längerer Zeit, wieder 18 Jahre alt zu sein. Natürlich ist das vollkommen unmöglich, doch dachte ich mir, bei Ihnen könnten vielleicht auch solche Wünsche erfüllt werden. Und mein Wunsch steht nicht ganz alleine da. Ich habe mir schon oft Gedanken darüber gemacht und werde Ihnen die positiven Aspekte in folgender Liste darlegen: Mit 18 Jahren 2. sorgten meine Eltern noch für mich 3. kam ich Abends nicht überarbeitet nach Hause, sondern konnte Ruhe im Schlaf finden 4. musste ich mich nicht um genug Geld zum Leben kümmern 5. hatte ich noch Zukunftsträume 6. konnte ich noch zur Schule gehen 7. gab es keine Ehekrisen 8. hatte ich genug Aussichten auf interessante Arbeitsplätze 9. konnte man noch Kind sein 10. war ich viel gläcklicher Sie sehen also, es gäbe genug Gründe, mein Alter gegen das eines 18jährigen einzutauschen. Ich habe mich damit an Sie gewandt, da ich mich sonst keinem offenbaren möchte. Mein Mann würde mich für verrückt erklären (er hasst Kinder), meine Freunde mich schief angucken. Auch deshalb habe ich mich zu dem Schritt des Schreibens eines Briefes an eine Märchengestalt entschlossen. Ich hoffe, es gibt Sie wirklich und Sie können mir meinen Wunsch erfüllen. Hochachtungsvoll Ihre Jutta Butt P.s.: Wenn diesen Brief nicht der Nikolaus, sondern ein för Sonderbriefe beauftragter Mitarbeiter der Post zu lesen bekommt, müchte er ihn doch bitte verbrennen! Danke. Tilman Thiel (ehemaliger Schüler) WINTERNÄHE Erinnerung erwacht an sommerliche Zeiten: So lange ist das doch noch nicht Vergangenheit, dass hoch auf Karpathos und tausend Träume weit die Tage sonnenheiß sich aneinander reihten. Gedanken heben sich aus Fotoalbumseiten, sie sind in Olymbos, wo grad' der Esel schreit, und beim Johannesfest beim Tanz im Festtagskleid und bei den Musikern, die diesen Tanz begleiten; und heute morgen sprang mein Wagen ganz schlecht an. Ich spürte außerdem, als dann die Fahrt begann, die Automatik zäh die ersten Gänge schalten. Ich knips' die Lichter an - viel früher als bisher. Es gibt im Supermarkt auch keine Kirschen mehr. Es scheint, der Winter will sich still und kalt entfalten. Klaus Loscher (Lehrer) Gemeint ist: Heinrich Mann |
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